Andrei Rublev
Andrej Rubljow ist das philosophisch anspruchsvollste Werk in Tarkowskis Filmografie. Eine dreistündige Erzählung eines russischen Ikonenmalers im Mittelalter, dessen Heldenmythos dekonstruiert wird.
Man könnte meinen, ein „Biopic“ einer historischen Figur, die im nationalen Verständnis von großer Bedeutung ist, fungiert nur als Selbstdarstellung des behandelnden Subjektes. Tarkowski jedoch konstruiert ein ganz anderes Konzept. In den ersten 30 Minuten ist Rubljow kaum im Bild zu sehen, es wird viel über ihn geredet, bevor wir ihn vordergründig zu Gesicht bekommen. Bevor also Rubljow wirklich das Zentrum seines eigenen Biopics bildet, wissen wir bereits, welch außerordentliche Fähigkeiten er mit sich bringt und wie hoch sein Status in einem gemeinschaftlichen Kollektiv ist. Folglich erwarten wir in den kommenden zwei Stunden eine Heldenreise, die uns dem großen Künstler näher bringen wird. Dem widersteht Tarkowski vehement. Denn Rubljow ist zwar ein Ausnahmekünstler, reflektiert aber seine eigene Rolle im Verhältnis zum Publikum. Auch Theophanes kritisiert die Vergänglichkeit der Kunst und der fragilen Rezeption des verblödenden Volkes. Was bleibt dann noch von der Kunst übrig, wenn sie weder wertgeschätzt wird noch das endliche Leben überdauert, wenn doch sowieso jeder stirbt? „Wenn Jesus noch einmal leben würde, würde man ihn wieder kreuzigen“.
Die dysfunktionalen Übergänge zwischen einzelnen Szenen, die ich ich zuvor in Iwans Kindheit kritisiert habe, werden dagegen in Andrej Rubljow zu einem angenehmen Fluss zwischen tiefergehenden Dialog und atmosphärischen Szenen entwickelt. Hier trifft Tarkowski genau die richtigen Entscheidungen, wann die Figuren zu Wort kommen und wann der Spielkulisse Raum gegeben wird, manchmal mit musikalischer Untermalung, manchmal ohne, wie beim Tod eines Gefährten Rubljows.
Früh wird bereits in seiner Mimik und Wortwahl deutlich, dass Rubljow sich nach einer moralischen Instanz sehnt, die er vergebens sucht. Er will nach christlichem Vorbild moralische Prinzipien verkörpern und nach ihnen leben. Spätestens während des Überfalls in der Kirche wird ihm bewusst, dass die Vorstellung von Moral selbst in religiösen Kreisen nicht existent ist. Dennoch hadert er mit sich selbst, nachdem er einen Mord behangen hat. Zum Aspekt der abwesenden moralischen Instanz und der damit einhergehenden erschwerten Darstellung des Helden sei ausdrücklich die Audioausgabe des Filmwissenschaftlers Lucas Curstädt zu empfehlen, der diesen Aspekt unter philosophischen Betrachtungen Descartes, Hegel und Früchtl näher beleuchtet hat.
Im letzten Kapitel werden wir dann Zeuge einer Verschiebung des zentralen Subjektes der filmischen Darstellung der Handlung. Folglich ist Rubljow als klassischer Held gescheitert, stattdessen beobachten wir nun, wie auch Rubljow als stiller Zuschauer, die Arbeit des Glockengießers Boriska. Dieser verkörpert eine ganz andere Herangehensweise an seine Kunst als es Rubljow bislang tat: Die unerbittliche Suche nach dem idealen Lehm verdeutlicht seinen überdimensionalen Perfektionismus. Er ist mit seinem übergeordneten Lebensziel so größenwahnsinnig verbunden, dass er die Bevölkerung gnadenlos nach seinen Anforderungen führt. Anders als bei Rubljow, der als Mönch nur verspottet wurde, leistet das Volk dem Künstler aber Beistand, denn jeder erkennt die Obsession in Boriska, die für ein solches Meisterwerk erforderlich ist. So gelingt die Konzeption letztendlich, doch wie Rubljow zuvor scheint Boriska an seiner eigenen Kunst gescheitert. So mag es zumindest wirken, doch kann man hier wirklich vom Scheitern sprechen?
Letztendlich ist Andrej Rubljow eine historische Studie über das angespannte Verhältnis zwischen Künstler und Rezipient. Deutlich wird vor allem, dass die Interessen des Künstlers nicht unbedingt mit den Interessen des Rezipienten einhergehen. Trotzdem ist der Künstler auf die Antwort seines Publikums verdammt und muss zwangsläufig reflektieren, inwiefern er (auch moralisch betrachtet) abhängig vom Rezipienten sein will. Der Film bietet insgesamt sehr viele philosophische Ebenen an, die potentiell tiefergründig analysiert werden können (siehe Lucas Curstädt).
Zur ersten Einordnung zum filmischen Werk Tarkowskis habe ich eine entsprechende Liste erstellt.
#tarkowski#dvd#kurzanalyse