Psycho
Anhand von Hitchcocks Psycho lässt sich gut erklären, weshalb das Horror-Genre heute trotz modernster Technik kaum mehr begeistern kann. Hitchcock verstand nämlich genau, wie man ohne After Effects durch Kameraperspektive, Räumlichkeiten und Musikeinsatz andauernden Nervenkitzel entfachen kann.
In Psycho spielt Hitchcock nicht nur mit Norman Bates, sondern auch mit unserer Psyche. Wir meinen, die Höhepunkte der Handlung vorhersehen zu können, weil wir wie aus der Vogelperspektive (die auch bildlich teilweise genutzt wird) das Geschehen betrachten können. So spielt Hitchcock mit unserer Angst vor der Angst, der wir schutzlos ausgeliefert sind. Wir sind als Zuschauer zwar nahezu allsehend, aber eben nicht allmächtig.
Betrachtet man moderne Horrorfilme, verflacht diese Angst vor der Angst meist komplett. Beispielsweise hat Weapons im vergangenen Jahr versucht, ein solches Prinzip einzubauen, indem kurze Spannungsmomente sich mit komödiantischen oder dramenartigen Szenen abwechseln. Dadurch verschwindet allerdings der anhaltende Nervenkitzel, da der Zuschauer nun mit ganz anderen Handlungssträngen und Szenerien abgelenkt wird. Das Gefühl der Angst verschwindet. Zwischendurch gibt es dann obligatorische Jumpscares, welche, wenn überhaupt, für einen kurzen Moment einen Schrecken verursachen, aber eben keine Angst. Angst ist eine Emotion, die nicht nur körperliche Reaktionen wie Herzrasen mit sich bringt, sondern auch Gedanken und Bewertungen, insbesondere innere Spekulationen über die Zukunft. Jumpscares verweigern sich dieser Logik und erfüllen im Grunde die Funktion von seelenlosen Sex: Es mag einen Höhepunkt geben, doch die Emotionen bleiben kalt.
Ganz entscheidend in Psycho sind natürlich die psychischen Abgründe des Norman Bates. Hier spielt ein gewöhnlicher Mensch das Monster, nicht das Monster einen Menschen. Die Bedrohung besteht darin, dass ein Typ wie Norman uns auch in der Realität begegnen könnte und nicht nur als reine Fiktion abgestempelt werden kann. Weapons dagegen spielt mit übernatürlichen Mystery Figuren, die zwar unberechenbar sind, gleichzeitig jedoch völlig überzeichnet. Die Gewalt zum Ende wird dann explizit dargestellt, um Schock und Spektakel zu kombinieren. Hitchcock verwandelt lieber seine Kamera zur Angriffswaffe und ahmt mit ihr die Messerstiche in der Duschszene nach. Wichtig ist dabei auch die Wahl der Räumlichkeit: Ausgerechnet das Badezimmer und die Dusche, wo man sich nicht nur nackt fühlt sondern auch nackt ist, wo man am wenigsten beobachtet werden möchte, wo man eine Gewaltszene nicht vermuten würde.
Mit dem Tod Marions mitten im Film nimmt uns Hitchcock den letzten Anker, an dem wir uns klammern und orientieren konnten. Nun wissen wir nicht einmal mehr, wen wir jetzt noch folgen sollen. Weapons versucht ähnliches, indem parallele Handlungsstränge den Fokus auf verschiedene Protagonisten lenken. Jedoch merkt man schnell, dass diese Figuren nur als Steigbügelhalter für das letzte Viertel der Handlung dienen, sodass ihre vorherigen Absichten und Lebensumstände in der Irrelevanz verschwinden.
Der Horror bei Hitchcock, entgegen der gängigen Konventionen des modernen Horror-Genres, liegt also viel mehr in der Suspense-Phase vor der eigentlichen Horrorszene, die die Suspense-Phase beendet. Diese Erfahrung mündet in einen nachhallenden Schockzustand. Heute ist es andersherum: Die Horrorszene soll für Angst sorgen und die anschließende Atmosphäre spannend wirken, da an jeder Ecke ein Jumpscare lauern könnte. Häufig verfehlt dieses Prinzip völlig seine Wirkung und sorgt unweigerlich für Belustigung.
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