Solaris
Solaris ist ein Ort, an dem Wirklichkeit und Traum buchstäblich miteinander verschmelzen. Die wahre Magie des Films entfaltet sich, sobald Hari vor Kris‘ Augen auftaucht. Die materielle Vorstellung seiner Frau erinnert mich an das luzide Träumen: Kris weiß ganz genau, dass Hari nicht wirklich ist, und doch klammert er sich an ihr fest, in der Angst, sie wieder zu verlieren. Obwohl Kris träumt, bewertet er das Geschehen von innen, erlebt Erfahrungen, die auf der wirklichen Erde nicht möglich sind (Schwerelosigkeit) und versucht vergeblich, seine Umgebung zu kontrollieren, wenn er Hari anfangs noch verdrängen will. Aber der luzide Traum fällt immer und immer wieder in sich zusammen, wenn Kris mit der nackten Wirklichkeit seines Lebens konfrontiert wird. So taucht Hari auch immer dann ein weiteres Mal plötzlich auf, nachdem Kris scheinbar aus seinem Schlaf erwacht ist. Irgendwann wissen wir als Rezipient gar nicht mehr, was von dem, was wir da sehen, überhaupt noch Wirklichkeit ist, oder ob wir schon längst Teil von Kris‘ luzidem Traum geworden sind. Er schafft es auch nie ganz (so lässt es das Ende andeuten) aus seinen Traumvorstellungen auszubrechen. Damit gelingt Tarkowski ein filmisches Frühstadium des (un-)kontrollierten Lebens innerhalb der Traumwelt, was später ein Nolan mit Inception wieder aufgreifen würde.
Das Gefühl der Schwerelosigkeit wird auditiv durch die Verwendung von Bachs Choralvorspiel „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ (BWV 639) sinnbetäubend spürbar gemacht. Mithilfe der dissonanten Harmonien und der langsamen Melodie erschafft Bach lediglich durch Orgeltöne ein musikalisches Gebet, wie der Titel es ja auch schon verdeutlicht. In der klassischen Musik gilt das Werk als tiefe spirituelle Introspektion, was bei Tarkowski nicht nur durch Kris und Hari, sondern auch Snaut und Sartorius verkörpert wird. Bildlich wird die Schwerelosigkeit auch verdeutlicht, wenn die Kamera scheinbar durch ein starres Gemälde hindurch gleitet, das übrigens Bruegels „Die Jäger im Schnee“ abbildet.
Genau dasselbe Orgellied Bachs wurde später ebenfalls vordergründig in Lars von Triers Nymphomaniac verwendet, welcher Tarkowski bekanntlich zu einer seiner größten Inspirationsquellen zählt. Hier dient Bach auch für die spirituelle Introspektion der Nymphomanin Joe, was aber ergänzt wird durch das Gefühl der menschlichen Leere, die trotz oder besser wegen verschiedener Sexualpartner über allem steht. Diese menschliche Leere, wenngleich in anderer Form, lässt sich wiederum in Solaris wiederfinden: Alle Protagonisten auf Solaris erkennen sich nicht wieder, erst, wenn sie wie Kris an die eigene Vergangenheit zurückdenken. Dr. Gibarian fand keinen Ausweg aus dieser Leere und sah im Suizid die einzige Lösung. Der Leere begegnet Kris auch direkt von Anfang an, sobald er die Raumstation betritt. Alles ist so verlassen, so still, so unmenschlich.
Schwerelos, so lässt es sich am besten in Worte fassen, wenn man Tarkowskis Filme sieht, oder besser erfährt. Denn auch, wenn an vielen Stellen grundsätzliche philosophische Fragen gestellt werden, ist es eher die Gefühlsebene, die Tarkowskis Werke so nahbar macht. Wie im kosmischen Raum vergeht die Zeit bei Tarkowski nicht so, wie sie eigentlich im erdlichen Alltag vergeht. Eine Erfahrung, die über das herkömmliche Sehen hinausgeht und dabei eine tiefe Introspektion des Rezipienten entfacht, die mich noch länger beschäftigen wird.
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