Spring Breakers
Spring Breakers: Korines „Hänsel und Gretel” im Neonwald
Egal ob herkömmliche Studenten-Party oder diverse Zusammenkünfte an bestimmten Feiertagen im Mai, den Drang nach Exzess & Abenteuer kann man getrost in allen Gesellschaftsgruppen wiederfinden. Harmony Korine setzte mit seinem Film Spring Breakers der Partykultur ein Denkmal, doch er hinterfragte dabei präzise die Leere hinter der vermeintlichen Flucht aus dem Alltag.
Wir begleiten die vier jungen Frauen Faith, Candy, Brit und Cotty auf ihrem zunächst austauschbaren Trip nach Florida. Dort wollen sie mit anderen Studenten die Party ihres Lebens feiern während des sogenannten Spring Breaks, der heiß erwarteten Pause vom langweiligen College-Leben.
Bevor die vier Spring Breakers die Fahrt antreten, äußert Faith (Selena Gomez) ihre existenzielle Angst: „Alles ist immer gleich und deshalb sind alle immer so traurig. Ich will nicht enden wie die.” Damit resümiert sie bereits vor der kommenden Ekstase die Krise des Daseins innerhalb einer ganzen Generation, die hilfslos versucht, aus der Dunkelheit des zermürbenden Alltags mittels kurzzeitiger Eskalation zu entfliehen.
Interessant ist dabei, dass Regisseur Korine bewusst Protagonistinnen aus dem bürgerlichen Studenten-Milieu auswählt. Vermutlich werden sie, nach ihrem akademischen Abschluss, alle materiellen Güter besitzen, die sie für ein recht komfortables Leben ohne Einkommensschwierigkeiten benötigen. Doch hier äußert sich die Kluft zwischen dem, was der Mensch hat (Sicherheit, Komfort, Geld, Familie) und dem nicht endenden Begehren nach dem, was für den Menschen unerreichbar ist. Das menschliche Verlangen ist durch Mangel strukturiert, wie Lacan es ausdrücken würde.
Damit ist der Weg für die Spring Breakers im Grunde vorgezeichnet: Die nie endende Mittelspur, von der man nicht auf die Ausfahrt gelangen kann, ohne die rechte Spur (die Spur des sozialen Abstiegs) zu passieren, während die linke Spur auch nicht in Frage kommt, weil das Auto nicht schnell genug fährt. So haben die Frauen zwar die Möglichkeit, eine Auszeit aus ihrem gut behüteten Zuhause zu nehmen, gleichzeitig sind sie nicht wohlhabend genug, um ihr anstehendes Abenteuer auf legale Weise zu bezahlen.
Sei es „der graue Parkplatz im generisch tristen Vorort” oder „der letzte Atemzug verzehrende, nichtssagende Smalltalk”, wie es im Chorus des Songs “Der ewige Ikea” von Prezident heißt, ein Ausbrechen aus diesem erstickenden Alltag scheint für die partyfanatischen Grenzgänger nur darin zu bestehen, zumindest für einen Augenblick mit allen spießbürgerlichen Konventionen zu brechen, nur um dann auf ewig in der Mittelmäßigkeit zu versinken und sich irgendwann auf dem Sterbebett zu fragen, ob das eigene Ich überhaupt einen rechten Tod verdient habe, schließlich habe es ja nie so recht gelebt.
So wirkt die bunte und turbulente Welt des Spring Break als krasser Kontrast zum farblosen Alltag; die Kamera fängt auf grandiose Weise leuchtende Bilder ein, die selbst den Zuschauer von zuhause dazu verlocken wollen, auch in diese Welt einzutauchen und alles um sich herum zu vergessen. Man spürt förmlich die körperliche Lust, die über den Köpfen der Massen am Strand Floridas schwebt. Aber auch eine innere Unruhe ist bei den Protagonisten zu beobachten, als wenn da jemand wäre, der sie stets beobachtet.
Freud schreibt in „Das Unbehagen der Kultur”, dass Kultur zwar notwendig sei, um Menschen zu verbinden, die aber dadurch gleichzeitig dauerhaftes Unglück und Schuldgefühle erfahren, weil die gesellschaftlichen Normen aggressive und sexuelle Triebe unterdrücken. Die dargestellte Aggression in Spring Breakers, die sich vor allem durch Drogenmissbrauch und (später) Gewalttaten aller Art äußert, wird bereits früh von der Polizei unterbrochen, dem Symbol für die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung. Hier beginnt auch ein radikaler Bruch der Narration des Films sowie das Verhalten unserer vier Spring Breakers. Nachdem sie verhaftet werden und über einen zwielichtigen Typen namens Alien (James Franco) in das Gangster-Milieu abrutschen, ein weiterer krasser Kontrast zum gewohnten Studentenleben, hegen sich bei Faith immer größere Schuldgefühle, aber vor allem die Realisation, dass das Spring-Break-Abenteuer sie nicht von der Leere befreit, aus der alle die ganze Zeit versuchen auszubrechen. Vielmehr wird hier eine noch größere Leere produziert als ohnehin schon. Hier stimmt etwas nicht. Der Traum verschwimmt langsam. Was bleibt, ist bloß ein Alptraum, der viel näher an der Realität ist als gedacht. Folgerichtig kehrt Faith, übrigens festes Mitglied einer kirchlichen Gemeinde, als erste die Heimreise an.
Im Verlaufe des Films verschwimmen das vermeintliche Paradies des Spring Break und die langweilige Welt auf Erden ineinander, wenn die Protagonistinnen ihre Familienangehörigen anrufen. Sie kommunizieren wahrlich, als hätten sie endlich die spirituelle Erlösung ihrer selbst gefunden und müssten nun verschen, andere in ihrem Glauben zu missionieren. Häufig fallen haltlose Phrasen wie „Hier ist meine Auszeit aus der Wirklichkeit” oder „Hier kann ich sein, wie ich wirklich bin”. Obwohl darin ein wahrer Kern besteht - schließlich kann exzessiver Drogenkonsum durchaus als Eskapismus dienen und gleichzeitig die inneren Abgründe eines Menschen hervorbringen - ist doch schnell erkennbar, wie inhaltslos und langweilig dieses Jenseits ist. Man könnte auch davon sprechen, dass alle Teilnehmenden sich schon in jungen Jahren auf den Limbus vorbereiten: Der äußere Rand der neun Höllenkreise aus Dantes „Göttlichen Komödie”, wo all jene Menschen versauern, die nie wirklich gelebt haben. Ein so gleichgütiges Dasein, dass weder Himmel noch Hölle sie haben wollen, weil sie überflüssig sind; sie haben der Nachwelt nichts hinterlassen und haben während ihrer Lebenszeit keinen Sinn in ihrem Schaffen verfolgt.
Da ist aber noch eine andere Welt, die wir in der zweiten Hälfte des Films entdecken: Die Gangster-Welt, in der Waffen, Geld, Autos und vordergründig Macht den Ton übernehmen. Alien, der die Frauen in die angebliche Freiheit freikauft, inszeniert sich als Erlöser aus all dem Elend und spricht wie ein neoliberaler Motivationscoach: „Ihr könnt euer Leben verändern”, verspricht er ihnen. Vielleicht ist der Ausbruch aus dem Hamsterrad des Alltags auf diese Weise möglich. Alien besitzt so viel materiellen Reichtum, den man sich nur wünschen kann. Doch um wieder auf Lacan zurückzukommen: Der Mensch begehrt immer das, was er nicht hat. So schwebt Alien in einer sebstgeschaffenen Leere, wo Geld wertlos wird und das Streben nach mehr immer langweiliger wird. Er gibt sich seinen Lüsten hin, ohne zu genießen. Er ist förmlich übersättigt. Alien ist nicht aus dem Hamsterrad ausgebrochen, stattdessen ist er zum Betreiber des Hamsterrades geworden, um noch mehr leeren Profit zu erlangen.
Die wohl bekannteste Szene des Films ist jene, wenn Alien am Klavier sitzt und den verbliebenen drei Frauen den Song „Everytime” von Britney Spears, die Pop-Ikone der 2000er-Jahre schlechthin, vorspielt. Popkultur hat immer etwas selbstreferenzielles, da sie sich (ähnlich wie im Hip-Hop-Genre) auf ihre eigenen Formen bezieht und sich ständig selbst zitiert. Das Artifizielle wird nicht hinter der Fassade versteckt, sondern bekommt ein Gesicht. Die Popkultur ist sich selbst darüber bewusst, was sie verkauft. Britney Spears verkaufte mit ihrer Musik keine Texte mit irgendeiner Substanz, so auch nicht anders in „Everytime”.
Und genauso trifft Korine ins Schwarze, wenn er ausgerechnet diesen Song kontrapunktierend mit den anschließenden Gewaltszenen in Verbindung setzt. Das leere Konstrukt, das Alien den Frauen verkaufen will, fällt hier in sich zusammen. Auf die künstliche und inhaltslose Welt, der man versucht zu entfliehen, folgt eine nur noch künstlichere Welt ohne Substanz. Die Flucht enspringt einer kindisch-naiven Rückbesinnung in eine Vergangenheit, wo sich das Leben noch einfach angefühlt hat. Bevor man in der Welt der „Großen” Verantwortung übernehmen musste, bevor jeder neue Tag exakt wie der vorherige war.
So heißt es in „Everytime”:
„And every time I see you in my dreams
I see your face, it’s haunting me
I guess I need you, baby“
Mit dem Wissen, dass der aus 2003 stammende Song bereits eine Nostalgieerfahrung für Kids der Millenial-Generation entfachte, stehen diese Zeilen in einem anderen Licht. Dem Phantom der vergangenen Zeit, die einem in der Gegenwart einholt, träumerisch hinterherzublicken, das ist auch ein Phänomen unserer heutigen Zeit: Auf Instagram ist es zum Trend geworden, Fotos aus dem Jahr 2016 zu posten oder aktuelle Fotos mit dem typischen Filter von vor zehn Jahren zu bedecken. Dahinter steckt der Wunsch nach Unschuld und eine naive Rückbesinnung auf eine Zeit, die scheinbar noch leicht und sorglos daherkam, denkt man heute an sie zurück. Oder auf dem jüngst stattgefundenen Coachella-Festival, welches ordentlich Schlagzeilen mit dem Auftritt Justin Biebers füllte, der seine musikalisch erfolgreichsten Jahre 2010 bis 2017 Revue passieren ließ und somit seine Fans in eine rosarote Welt als Kontrast zum gegenwärtigen Chaos zerrte.
Dies macht Spring Breakers zu einem überaus visionären Film der 2010er-Jahre. Alle vier Hauptdarstellerinnen, namentlich Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Ashley Benson und Rachel Korine, wurden in den 2000er-Jahren als Disney-Schauspielerinnen zum Teenie-Star. James Franco als Alien profitiert von ihrer kindlichen Naivität und entführt sie in eine Welt, in der Erwachsene nicht existieren und Disneyland weiter bestehen kann.
Wie Hänsel und Gretel, die im Wald von einem Haus voller Süßigkeiten verführt werden, werden die vier Spring Breakers geködert von Sex, Geld und Rausch in der Gangster-Unterwelt, dessen Personifikation im Film treffenderweise durch Gucci Mane verkörpert wird. Wir beobachten nüchtern betrachtet eine reine Märchengeschichte. Führt Spring Breakers mit seiner überdrehten Musik und ästhetisch-stilisierenden Bildern den Zuschauer erst in eine Welt, die sich nach 2016 anfühlt (bzw. 2003), mündet der Drogentrip schnell in einen Abgrund, noch tiefer als der Alltag selbst. Faith und Cotty durchschauen die Fassade hinter der Fassade, wenn auch recht spät, und haben mit der Flucht nach Hause womöglich auch ihre Kindheit hinter sich gelassen. Candy und Brit dagegen vollziehen ihr Abenteuer und töten die Hexe.
Die temporäre Flucht aus dem Alltag erschafft hier nur einen noch viel hässlicheren Alltag. Ähnlich wie in Tarrs Satantango, wo die Dorfbewohner in eine verkommene Kneipe flüchten, sich während des Tanzens vor- und zurückbewegen, aber am Ende genau dort stehen, wo sie vorher standen.
Brit und Kotty, die letzten beiden Flüchtlinge aus dem Spring-Break-Märchen, fahren zum Schluss des Films mit dem Auto weg. Doch wohin fahren sie? Welche Spur nehmen sie? Die mittlere Spur, um zurück in die Hölle ihres gewohnten Lebens zu gelangen? Oder eine ihnen noch unbekannte Spur, die in ein Jenseits außerhalb von Alltag und Party führt? Während des Abspanns läuft Elli Gouldings Pop-Hit „Lights”, der zum Zeitpunkt des Releases von Spring Breakers eine Platin-Auszeichnung erhält. Vielleicht ist es gar nicht entscheidend, wohin sie fahren, sondern einfach nur, dass sie fahren statt zu stehen.
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