The Birds
Betrachtet man Hitchcocks Filmografie, sticht sein Horrorfilm Die Vögel zweifellos heraus. Durch den Einsatz von vielen Symbolen und mythenähnlichen Elementen gelang Hitchcock mit diesem Film ein weiterer Meilenstein im Horrorgenre. Um sich der Komplexität der skurrilen Form des Films zu nähern, bietet es sich an, einen philosophischen sowie ökonomischen Ansatz zu verfolgen.
Trivial gesagt geht es um Vögel und die Frage, wieso sie die Menschen rund um Melanie in Bodega Bay angreifen. Gleich in der Exposition findet die Handlung in einem Zoogeschäft statt und es geraten zwei kleine Papageien in den Fokus. Vögel sind aber nicht die einzigen Tiere, die von Bedeutung sind: Als Melanie anfangs in das Geschäft läuft, sehen wir im Zuge eines Cameo-Auftritts von Hitchcock, wie er zwei Hunde an der Leine führt. Später befindet sich Melanie an einem Fischersteg, wo mit dem Fischfang offensichtlich Geschäfte gemacht werden, wie die Schilder es uns verraten. Im dortigen Restaurant wird wiederholt erwähnt, dass es Hühnchen zum Essen gibt. Der Mensch beraubt die Freiheit der Tiere, um für eigene ökonomische Freiheit zu sorgen. Auch die Papageien, die Melanie käuflich erwirbt, werden als Ware gehandelt und als Objekt des menschlichen Interesses an Mitchs kleine Schwester Cathy weiterverschenkt. Die Unfreiheit der Papageien wird von Mitch leicht thematisiert, welcher beruflich als Anwalt arbeitet. Sein Bestreben zielt also darauf ab, seine Klienten vom Gefängnis fernzuhalten, vom menschengeschaffenen „Käfig” für Menschen. Er kämpft zugunsten der Freiheit von Angeklagten. Im Kontrast zu Mitch sieht Melanie kein Problem darin, Tiere einzusperren. Sie kann es sich wortwörtlich leisten, andere ihrer Freiheit zu berauben, weil sie eine Millionärstochter ist und somit ökonomische Freiheit genießt.
In Bodega Bay wird das Abhängigkeitsverhältnis der einzelnen Protagonisten zueinander deutlich. Melanie fühlt sich zu Mitch hingezogen und verlässt nur deswegen ihren Wohnort San Francisco. Dort trifft sie auf Annie, die ebenfalls nur dort wohnt, um in der Nähe von Mitch zu sein. Seine Mutter Lydia verhält sich Melanie zunächst skeptisch gegenüber, da sie befürchtet, Mitch würde sie für Melanie endgültig verlassen. Alle drei Frauen sind auf verschiedenster Weise abhängig von Mitch, welcher das Zentrum der Gruppenkonstellation bildet und später im Haus den Angriff der Vögel erfolgreich abwehrt.
Der Philosoph Philip Pettit beschreibt Freiheit als Zustand, in dem Menschen nicht der willkürlichen Macht anderer unterworfen sind. Für Pettit ist man erst frei, wenn niemand legitimerweise beliebig über einen verfügen kann. Eingriffe können aber gleichzeitig freiheitsfördernd sein, wenn sie nicht-dominierend sind, also rechtlich gebunden. Bezüglich des ersten Aspektes ist entscheidend, ob die Frauen strukturell von Mitch abhängig sind und ihr Verhalten an ihm ausrichten. Dies ist eindeutig zutreffend: Melanie verlässt San Francisco aus emotionaler Orientierung und riskiert eine Beziehung, die nicht klar festgelegt ist. Annie verlässt den Ort nicht, obwohl die Beziehung vorbei ist. Lydia ist eindeutig emotional von Mitch abhängig, weil sie nicht alleine leben will. Somit fungiert Mitch in der gesamten Konstellation als Zentrum asymmetrischer Macht.
Warum greifen die Vögel jetzt an? Ihr Angriff legt das zuvor beschriebene Abhängigkeitsverhältnis komplett frei. Mitch wird im Haus zum physischen Beschützer und stabilisiert die Asymmetrie. Obwohl Mitch passiv dominiert statt willkürlich (er instrumentalisiert niemanden), ist er der Dominator. Die Vögel drücken mit ihren Angriffen symbolisch das nicht-institutionelle Abhängigkeitsverhältnis aus. Nach Pettit macht die willkürliche Macht den Menschen unfrei, die ständige Möglichkeit, dass angegriffen werden kann. Die Vögel attackieren unvorhersehbar, sodass sie die Menschen in Bodega Bay auch dominieren, wenn sie nicht angreifen. Der Freiheitsverlust zeigt sich darin, dass die Bewohner ihr Verhalten anpassen: Sie verbarrikadieren sich im Restaurant und ihr Lebensraum wird erheblich eingeschränkt. Wir erkennen, dass der Freiheitsbegriff als bloße Abwesenheit von Zwang nicht mehr ausreicht.
Besonders Annie ist die Verkörperung der akzeptierten Unfreiheit. Sie weiß, dass Mitch und Melanie einander begehren, und hält trotzdem an ihrer Wunschvorstellung fest. Hier zeigt sich, dass Annie nicht unter Zwang lebt, sondern unter der Macht der Möglichkeit. Der Angriff der Vögel verhindert zwar ihre Befürchtung, dass Mitch und Melanie miteinander vögeln. Die willkürliche Macht Mitchs über Annie wird damit aber nicht beseitigt, sondern aufgeschoben. So ist es kein Zufall, dass sie diejenige ist, die (wegen der Vögel) stirbt. Die einzige Möglichkeit, ihrer Abhängigkeit zu entkommen, ist der Tod.
Die Vögel erklärt die menschliche Angst der Unfreiheit. Ob die Vögel angreifen oder nicht, der Mensch fühlt sich in seiner Freiheit bedroht. Sie fungieren auch als symbolische Spiegelung der menschlichen Verhaltensweise, andere zu objektifizieren und ihnen ihre Freiheit zu berauben.
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