Yi Yi
Yang-Yang fotografiert die Hinterköpfe von Menschen, um den Menschen zu zeigen, was sie nicht sehen können, wie er am Ende in seiner Rede verrät. Hierfür ist das Kino gemacht, ein Zufluchtsort, wo wir uns vom monotonen Alltag hin zur augenöffnenden Leinwand bewegen. Ein Zufluchtsort, wenn Yang-Yang vor seinem Lehrer flüchtet und sich in einer kleinen Filmvorstellung versteckt. Die Welt um uns herum bricht im Chaos aus, doch im Kino wird die Zeit angehalten, da müssen wir nicht mit der Außenwelt kommunizieren, sondern können uns zurücklehnen. Obwohl wir in der Beobachterrolle sind, werden auch wir Teil der Leinwand. Denn wir projizieren immer einen Teil unserer Lebenswelt auf das Gesehene.
Im Film sind dutzende Kameraeinstellungen so gewählt, dass wir die Protagonisten und ihre Stadt in einer Reflektion sehen. Sei es durch ein Fensterglas, durch einen Fernseher oder durch eine Videoüberwachung. Dies erinnert uns als Beobachter daran, dass wir in den jeweiligen Protagonisten eine Reflektion unserer Selbst erkennen. Deshalb fällt es so leicht, sich mit fiktiven Personen zu identifizieren, mit ihnen mitzufühlen, sie zu verstehen. Durch diese Kameraeinstellungen sehen wir das Geschehen spiegelverkehrt, sozusagen mit anderen Augen.
Ändert sich unser Blick auf unsere Mitmenschen und Außenwelt, nachdem wir einen Film gesehen haben? Ein guter Film ist dazu in der Lage, selbst ein schlechter Film kann uns Erkenntnisse über herrschende Ideologien innerhalb unserer Gesellschaft liefern.
Um den Bogen zu Yang-Yangs Rede zu schließen: Alle Beteiligten des Kinos, vom Regisseur über Schauspieler bis hin zum Kinobetreiber, tragen dazu bei, dass wir nun Projektionen des eigenen Ichs wiedererkennen, die wir zuvor verdrängt haben. Eine alte Liebe zum Beispiel, wie sie N.J. erfährt. Oder wir erfahren den Ruf des Gewissens wie Min-Min, die durch ihre Monologe an die Großmutter erkennt, dass ihr aktuelles Leben nicht lebenswert ist.
Mit jemandem zu reden, der uns hört, aber nicht antwortet, ist schwierig. Der Bruder von N.J. verzweifelt beim Versuch, mit der Großmutter zu sprechen, die im Koma liegt. Wir sind es nicht gewohnt, unsere Sorgen und Ängste laut auszusprechen; meistens tragen wir sie wie einen Rucksack mit uns durch den Alltag und ahmen unbewusst diejenigen nach, die einen ähnlich aussehenden Rucksack mit sich tragen. Im Kino kommunizieren wir unser Innenleben nicht mit dem Film, aber der Film kommuniziert durch seine Bilder mit uns. Eine solche Inversion der Kommunikation kann dazu führen, dass wir uns fiktive Protagonisten als Vorbild nehmen, um in Kontakt mit unseren verdrängten Gefühlen zu treten. So wie die Großmutter im Koma schweigt und gleichzeitig doch zuhört, so schweigen wir und hören zu, was der Film uns erzählen will.
Wie anfangs erwähnt, hält das Kino die Zeit um uns herum an. Bedeutet das, dass wir mit dem Kino einen Ort gefunden haben, in dem wir nicht altern und jung bleiben? „Wir leben dreimal so lang, seitdem Filme erfunden wurden. Filme geben uns das Doppelte von dem, was wir vom Alltag bekommen.” Doch Yang-Yang fühlt sich alt und erinnert sich an seine verstorbene Großmutter, nachdem er seinen neugeborenen Cousin sah. Wir begreifen also: Wenn das Intro des Films (Geburt) bis zum Abspann (Tod) kongruent zu unseren eigenen Lebenserfahrungen verläuft, fühlt es sich so an, als hätte man ein ganzes Leben in kürzester Zeit durchlebt. Sehen wir so unser Leben als Retrospektive an uns vorbeiziehen, wenn wir sterben? An welchem Ort wir auch immer nach dem Tod landen, im diesseitigen Leben ist das Kino ein Ort, wo unsere Fantasie Leben und Tod durchläuft. Vielleicht müssen wir nur unsere Augen auf die Leinwand richten, damit wir begreifen, wohin der Tod uns eines Tages bringen wird.
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