Poor Things
Bella entdeckt die Welt.
Ausführliche Besprechung in der kommenden Folge 34 von Ein Film ist nicht genug
2024 beginnt in deutschen Kino mit einigen Krachern: Sowohl über The Holdovers, The Zone of Interest als auch Poor Things höre, sehe, lese ich nur euphorische Stimmen und nach dem gestrigen Kinobesuch kann ich mich der Begeisterung zu Yorgos Lanthimos neustem Film nur anschließen. Lanthimos schafft einen faszinierenden Spagat zwischen einem kurzweiligen Seherlebnis und sperrigem Arthouse Kino.
Audiovisuell ist Poor Things berauschend aber für ein Mainstream Publikum wahrscheinlich auch an der Grenze zur Überforderung. Der Soundtrack ist mit den dominanten Streichinstrumenten unangenehm fies und die wirre Steampunk Optik, irgendwo zwischen Terry Gilliam und Tim Burton, sowie die überbordenene Inszenierung mit wunderbar schrägem Kameraeinsatz macht den Zugang zunächst nicht einfach. Dafür ist Poor Things ganz häufig ziemlich komisch und zwar nicht (nur) auf verkopfte Weise. Besonders die Interaktion zwischen Bella und Duncan ist zum Schreien!
Mit Emma Stone und Mark Ruffalo hat Lanthimos auch das perfekte Duo für den Film gefunden. Stone spielt die Frankensteins-Monster-artige Frau, die sich entwickelt und die Welt erkundet, wunderbar wild. Ihr Körpersprache ist ganz große Klasse und zeigt meisterschaft ihre physische und psychische Entwicklung. Genauso liefert Ruffalo, von den Fesseln des MCU befreit, eine grandiose Show als arrogant verzweifelter "Mann von Welt" ab.
Inhaltlich steckt im Film so viel drin, dass ich gar nicht mehr alles auf dem Schirm habe und vermutlich einiges auch gar nicht wahrgenommen habe. Poor Things lädt einen direkt zum Rewatch ein, um noch mehr über die Themen und Botschaften heraus zu finden. Der Barbie Vergleich liegt wahrscheinlich nahe, da es in beiden Filmen um Emanzipationsgeschichten geht aber Gerwig und Lanthimos haben ganz andere Hintergründe und Zielgruppen. Natürlich ist Poor Things der radikalere Film aber Barbie war an die Marke gefesselt und hat ein Millionenpublikum erreicht, dass Poor Things wahrscheinlich trotz Preisregen vermutlich nicht schaffen wird.
Ich bin mir noch unsicher, ob die lange Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden notwendig ist aber mir scheinen die einzelnen Stationen von Bellas Reise immer einen neuen Aspekt hinzugefügt zu haben. Außerdem war mir dank Humor, Optik, Schauspiel und dem inhaltlichen Gehalt nie langweilig.
Fazit: Ganz großes Kino!