Ghost in the Shell
Sobald der Mensch realisiert, dass Fortschritt zum Greifen nahe ist, ist die Umsetzung unvermeidbar. In all den Millionen von Jahren, in denen diese Erde existiert, haben wir Autos erst vor 140 Jahren entwickelt. Doch nicht in all zu kurzer Zeit später, wurden schon Flugzeuge gebaut. Doch wozu die Unruhe? Schließlich sind es praktische Erfindungen, die unseren Alltag erleichtern. Soldaten kämpften für Millennien mit Schwerten, nun haben wir Atombomben. Unsere Telefone waren nur ein Mittel zum Zweck, lediglich zum Kontaktieren von unseren Engsten, nun haben wir eine unendliche Quelle von Informationen, zu allen Themen, die wir uns nur vorstellen können. Egal wie besorgt wir sind, egal wie tradionalistisch wir sind, egal wie abgeneigt wir sind, wir sind von Natur aus dazu bedingt uns anzupassen, und das werden wir auch weiterhin, egal wie weit die Technologie gehen wird. Auch wenn du noch so viel gegen generativer KI protestierst. Unsere Evolution, unser Eintritt in ein neues Zeitalter ist unvermeidbar.
Ghost in the Shell stellt die These auf, dass wenn unser Fortschritt ein Teil unserer Natur ist, wie verschwommen ist dann noch die Grenze zwischen Mensch und Maschine? Unsere Handys sind beispielsweise eine Erweiterung unserer Selbst, wir können unmöglich in der Gesellschaft fungieren ohne elektronische Geräte. Wie genau ist es dann also nur Mittel zum Zweck?
Und nun stellt sich der Film die Frage, ob deine Identität nun wirklich real ist, oder ein Konstrukt aus Erinnerungen (Daten im Film) und wie sehr diese Identität abhängig ist von zukünftigem Fortschritt.
Der Film stellt hier eine Klare Distinktion zwischen Ghost (Bewusstsein) und Shell (Körper) auf. Die Protagonistin, Motoko Kusanagi, ist sich bewusst, dass sie in einer künstlichen Shell lebt, sie weiß, dass es austauschbar ist. Somit stellt sie sich die Frage, ob ihr Ghost ebenfalls austauschbar ist. Im Film sehen wir auch multiple Charaktere mit einer ausgetauschten Erinnerung, nachdem man ihnen davon mitteilt, verlieren sie Fassung, obwohl sie ja ihren Verstand besitzen, genau so handeln würden, wie sie auch sonst handeln würden, fühlen sie sich so als hätten sie ihre Identität verloren, als hätte man ihre Persona ausgetauscht. Dabei ist das einzige was ausgetauscht wurde ihre Erinnerung. Aber was heißt denn hier "das einzige"? Schließlich wissen wir ja aufgrund unserer Erfahrung, ergo unsere Erinnerungen, wie wir handeln würden in bestimmten Situationen. Doch wenn diese Erinnerung austauschbar ist, wie es in Ghost in the Shell dargestellt wird, dann beweist es wie fragil unsere Persona ist.
Und hier kommt der Puppetmaster ins Spiel. Der Puppetmaster plant eine Union mit Kusanagi. Er möchte sich mit ihr fortpflanzen, da Kusanagi einen künstlichen Körper, doch ein menschliches Bewusstsein besitzt. Wir sehnen uns nach Fortschritt, wir korrigieren unsere Nachteile, wir evolvieren, wir optimieren. Daher sieht der Puppetmaster nichts Falsches in der Entstehung einer neuen Entität.
Doch Kusanagi lehnt diese Vorstellung (erstmal) ab. Ja, sie ist fehlbar. Sie ist eine Komposition aus Maschine und Mensch. Doch das Verlangen nach Identität, nach Mensch sein ist, trotz dem ebenso starkem Verlangen nach Evolution, immer noch vorhanden.
Doch am Ende gibt sie nach, und geht die Wiedergeburt mit dem Puppetmaster ein. Und warum? Der Film entzieht sich da bewusst einer Antwort. Aber vielleicht ist es genau dieses Gefühl, was Ghost in the Shell aufbringen sollte. Wenn Motoko Kusanagi das Angebot einfach abgelehnt hätte, dann könnten wir hier sitzen und ein simples Fazit auf dieses Werk anheften. Doch das soll so nicht sein. Vermutlich will der Film uns damit sagen, dass es bei einer nicht vorher gesehen Maßnahme von Fortschritt genau so passieren kann. Oder vielleicht kritisiert der Film erst gar nicht das Chaos in der Technologie. Eventuell sollen wir es einfach akzeptieren, sowie wir es ohnehin auch immer taten. Schließlich ist Fortschritt nicht für das Individuum so essenziell, sondern für das Kollektiv.
Ich bin leider nichtmal dazu gekommen über den unfassbaren Style und das Setting im Film zu reden, über die Darstellung der Anatomie, oder sonst irgendwelchen anderen coolen Dinge im Film. Alles was ich sagen kann ist; DAS ist der definitive cyberpunk Film, und er hält locker mit anderen animierten Meisterwerken wie End of Evangelion und Akira mit. 10/10!!