Love Exposure
Bevor meine eigentliche Review beginnt, möchte ich mit zwei Fragen und einem Zitat beginnen. Die Review startet daraufhin mit meiner persönlichen Hypothese.
*
"With an erection from my heart, I have found my Maria."
*
Warum empfinde ich Mitleid mit jemandem, dessen Handlungen ich im echten Leben verachten würde? Und warum hat mich eine romantische Actionkomödie über religiös motivierte Höschenfotografie stärker zum Weinen gebracht als jedes Drama, das ich bisher gesehen habe?
Vielleicht liegt die Antwort darin, dass Love Exposure niemals wirklich ein Film über diese Dinge ist. Hinter all der Provokation erzählt Sion Sono eine Geschichte über Menschen, die verzweifelt versuchen, irgendwo dazuzugehören. Der Film verurteilt diese Leute dabei nie wirklich, er lässt einen einfach verstehen, wie sie so geworden sind, so absurd ihre Logik dabei auch klingt.
Bevor ich richtig einsteige, muss ich kurz sagen, wie sehr mich dieser Film am Ende umgehauen hat. Vier Stunden lang, over the top, teilweise komplett over the top absurd, und trotzdem habe ich in keiner einzigen Minute auf die Uhr geschaut. Das passiert mir bei fast keinem Film, egal wie gut er ist. Genau das ist für mich schon die beste Zusammenfassung, die ich liefern kann, bevor die eigentliche Review überhaupt losgeht.
Und was mich von der ersten Minute an gepackt hat, war ehrlich gesagt gar nicht mal in erster Linie die Story, sondern diese ganze kulturelle Atmosphäre des Films. Die Kleidung, die Frisuren, die Musik und vor allem die Art, wie diese Figuren ihre eigene Identität nach außen tragen, erzeugen ein Bild japanischer Jugendkultur, das ich im Kino viel zu selten sehe. Es erinnert teilweise an die Ästhetik westlicher Gegenkultur der 90er Jahre, an die unaufdringliche Rebellion eines Kurt Cobain, aber gleichzeitig besitzt es etwas sehr Eigenständiges und spezifisch Japanisches.
*
Jesus, I approve of you as the only cool man besides Kurt Cobain
*
Die meisten Filme wissen ehrlich gesagt nicht so richtig, was sie mit Jugendkultur anfangen sollen, entweder wird sie komplett romantisiert oder als Problem behandelt, das die Figuren am Ende überwinden müssen. Love Exposure macht einfach sein eigenes Ding: diese jungen Leute sind verloren, widersprüchlich, moralisch teilweise richtig fragwürdig, und bauen sich trotzdem ihren eigenen Stil, ihre eigene Sprache, ihre eigene kleine Gemeinschaft.
Und genau diese Selbstinszenierung, dieser Style, ist am Ende auch nur ein weiterer Ausdruck von dem, worum es in diesem Film eigentlich geht: Zugehörigkeit. Yu findet über den absurdesten aller Wege, nämlich als "Meister" der Höschenfotografie, plötzlich eine Gruppe von Leuten, die ihn genau so nehmen, wie er ist. Diese Perversen-Karriere ist auf dem Papier komplett lächerlich, aber emotional ist sie das Erste, was ihm in seinem Leben das Gefühl gibt, überhaupt gesehen zu werden.
Love Exposure ist überraschend stark ein Film über platonische Liebe. Über Menschen, die sich gegenseitig auffangen, wenn sie selbst nicht mehr wissen, wie sie weitermachen sollen.
*
"Sieh mal, 50 Prozent herabgesetzt steht da. Ich gebe dir auf deine Traurigkeit 50 Prozent Nachlass. 50 Prozent weniger Traurigkeit!"
*
Und vielleicht ist genau das einer der größeren Punkte, weswegen mir dieser Film so nahe gegangen ist. Platonische Liebe, Gemeinschaft und diese Form von Bruderschaft, die über eine normale Freundschaft hinausgeht, sind alles Themen, die mich gerade auch in meinem eigenen Leben sehr beschäftigen. Was Yu mit seinen neuen Freunden findet, ist trotz der problematischen und teilweise absurden Grundlage ihrer Verbindung etwas, wonach ich mich momentan vielleicht mehr sehne als nach vielem anderen. Nicht nur Menschen zu haben, die einen mögen oder begleiten, sondern eine Gruppe, mit der man gemeinsam durch das Leben stolpert, zusammen Unsinn macht, sich gegenseitig auffängt und für einen Moment das Gefühl bekommt, irgendwo wirklich dazuzugehören.
Diese Freundschaft ist überhaupt nicht perfect, moralisch schon gar nicht, und genau deswegen wirkt sie am Ende so real. Diese Leute haben keine Antworten, sie sind einfach gemeinsam verloren. Und am Ende sind sie auch einfach nur Menschen.
Bevor ich zum Ende komme, muss ich noch kurz über die Bildsprache reden, weil die für mich mindestens genauso viel Arbeit leistet wie die Story selbst. Sion Sono erzählt wahnsinnig viel über reine visuelle Kontraste, grelles, fast schon aufdringliches Licht gegen tiefe Schatten, Chaos gegen komplette Stille, und genau in diesen Kontrasten steckt oft mehr Emotion als in jedem Dialog. Die Meer-Szene gegen Ende ist für mich der Moment, an dem das am stärksten spürbar wird. Nach Stunden voller Lärm, Sex, Religion und Gewalt kippt der Film plötzlich in diese fast schon stille, weite Bildsprache am Wasser, und allein dieser Kontrast hat mich fertig gemacht, bevor überhaupt irgendwas gesagt wurde.
Ein kurzer Gedanke noch zur Religion in diesem Film, weil er mich ehrlich an Evangelion erinnert hat, nur nochmal eine Ebene religiöser aufgeladen. Beide Werke nutzen christliche Symbolik nicht als Deko, sondern als echtes emotionales Gerüst für Schuld, Erlösung und dieses Gefühl, nie gut genug zu sein. Bei Love Exposure ist das Ganze nur noch direkter, noch konkreter in Kirche, Beichte und Sünde verankert, und genau das hat mich positiv überrascht.
Und dann das Ende. Ich habe wirklich geheult, richtig fest, und das passiert mir bei Filmen selten. Was mich dabei am meisten beeindruckt hat, ist wie plot-technisch sauber alles zusammenläuft. Jedes Element, das vorher komplett random oder over the top wirkte, bekommt am Ende plötzlich seinen Platz und seinen Sinn. Nichts fühlt sich wie Zufall an, obwohl der Film die meiste Zeit genau so wirkt.
Meine persönliche Beziehung zum asiatischen Kino ist bisher eher eine Achterbahnfahrt gewesen. Filme aus dieser Region sind für mich häufig entweder absolute Volltreffer oder Werke, zu denen ich überhaupt keinen Zugang finde. Love Exposure gehörte jedoch zu den seltenen Fällen, bei denen bereits nach wenigen Minuten klar war: Dieser Film hat etwas. Diese Figuren besitzen eine Energie, einen Stil und eine Selbstverständlichkeit, die schwer zu beschreiben ist. Dieser ganz besondere japanische Vibe, diese Mischung aus Coolness, Absurdität und emotionaler Direktheit, hat mich sofort gepackt.
Irgendwann, ungefähr nach der ersten Stunde, wurde mir klar: Ich schaue hier nicht einfach nur einen weiteren großartigen Film. Ich bin gerade dabei, einem meiner neuen Lieblingsfilme zu begegnen, und Interstellar sitzt möglicherweise nicht mehr für immer sicher in meiner persönlichen Top 4.
*
I was just an ordinary high school kid - To put it simply, I wanted to die.
*
fin
#made me laugh#sex#lgbtq#made me cry#omu#zusammen wegrennen#top 4#sub#ov#bad people#kissing scenes#religious#asia#stream