Depp V Heard
2023: Netflix entdeckt Sensationslust als Thema für sich - und macht direkt eine Doku darüber, die genau dem erliegt, was hier angeprangert werden soll. Denn wenn ein Thema die langweilige und vorhersehbare Mischung aus Talking Heads von Journalist:innen, Rechtsexpert:innen und Medienwissenschaftler:innen gebraucht hätte, um die mediale Schlammschlacht zu analysieren und wie (soziale) Medien das kollektive Verständnis von Wahrheit vergiftet haben, dann Depp V Heard.
Stattdessen wird ohne jeglichen Kontext der Irrsinn auf TikTok, Twitch und YouTube wiedergekäut, der wirre Gedankenmüll von zutiefst problematischen Incels nochmal abgespult und einfach alles vermieden, was eine Doku zu diesem Thema interessant oder gar relevant machen könnte.
In einem Variety-Interview sagte Regisseurin Cooper, dass sie diesen Moment in unserer Kultur erforschen wollte und wie wir ihn konsumieren. Es sollte eine schlüssige Reflexion der Geschehnisse werden, ohne jemals mit Heard oder Depp zu sprechen oder Interviews mit Experten zu machen.
Eine Reflexion mag dabei entstanden sein, aber uns mit dem zeitlichen Abstand von ein paar Monaten nochmal die krude Mischung aus TikTok-Memes, außer Rand und Band geratenen Depp-Fans und einfach nur hart von der eigenen Existenz als männlich gelesene Personen gechallengten Kellerkindern vorzusetzen, birgt keinerlei Erkenntnisgewinn. Wer die Frage stellt, warum wir uns am öffentlichen Zerfall berühmter Personen so ergötzen, sollte auch zumindest ansatzweise das Interesse mitbringen, eine Antwort oder zumindest Denkanstöße zu liefern. Stattdessen soll hier die permanente Beschallung mit gefährlichem Halbwissen und Misinformationen durch permanente Beschallung mit gefährlichem Halbwissen und Misinformationen angeprangert werden, was völlig daneben geht aufgrund des fehlenden Kontexts.
Weder wird ein Gerichtssystem hinterfragt, dass Livestreams von Gerichtsverhandlungen erlaubt, als ob es eine Daily Soap wäre noch wird die weltweite Berichterstattung selbst in renommierten Medien hinterfragt, die sich alle sensationslüstern auf diesen Prozess gestürzt haben - aber klar, einzelne Vollidioten von TikTok und Twitch in die eigene Doku reinzuschnippeln ist einfacher und plakativer als die Rolle von millionenfach geklickten Websites zu beleuchten.
Wer die ganze Welt in seinen Gerichtssaal reinlässt - wohl wissend um die Wirkmechanismen von Gaslighting-Taktiken und den Auswirkungen, die dieser öffentliche Schauprozess auf #MeToo und Frauen weltweit haben wird - der handelt frauenfeindlich. Ganz gleich, wie die Wahrheit in diesem Prozess schlussendlich aussieht. Aber haha, zeigen wir lieber noch mal den Typen mit der Deadpool-Maske, denn natürlich sind die immer zahlreicher werdenden Incels auf Twitch und TikTok die Wurzel des Problems und nicht etwa die fauligen Früchte der Strukturen.