Dogtooth
Dogtooth - Lanthimos' platonische Höhle
Yorgos Lanthimos ist ohne jeden Zweifel ein außergewöhnlicher Regisseur.
Gefeiert wird er für Werke wie The Lobster oder The Killing Of A Sacred Deer, und das völlig zurecht.
Über allem thront jedoch nach wie vor sein absolutes Meisterwerk Dogtooth.
Gezeigt wird hier eine dysfunktionale Familie, die zusammen in einem wahren Idyll von Landhaus lebt.
Ohne Umschweife oder langweiliges Expositions-BlaBla werden wir direkt hineingeworfen.
Es gibt einen großen Garten, einen Swimmingpool, alles was man sich nur wünschen kann.
Die Eltern haben dort eine ganz eigene Welt für ihre Sprösslinge geschaffen, in der sie ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt mithilfe von Lügen und Manipulation großgezogen werden.
Namen hingegen gibt es keine, Gründe wieso die Eltern das machen ebenfalls nicht, und das ist gut so.
Es wird eine Angst vor der Welt da draußen geschürt.
Doch die Welt da draußen bahnt sich ihren unvermeidlichen Weg in diese Scheinwelt, in Form einer Prostituierten, die sich mit dem mittlerweile erwachsengewordenen Sohn vergnügen soll.
Eingefangen wird das ganze geradezu dokumentarisch in sehr ruhigen, hellen Bildern.
Viel Bewegung gibt Lanthimos der Kamera nicht, meistens steht sie ganz starr da, als würde es sich tatsächlich um die Überwachungskamera eines Überwachungsstaates handeln.
Wir als Zuschauer werden durch diese neutrale Kamera in den Posten des Beobachters gedrängt.
Wir sollen selber beobachten, analysieren, interpretieren.
Lanthimos wertet die Geschehnisse nicht.
Dazu passt auch das offene Ende.
Die Dystopie
Auf den ersten Blick ist Dogtooth einfach nur eine böse-bizarre Geschichte über ein eigenartiges Familienkonstrukt, doch natürlich ist dieser Film in erster Linie allegorisch zu verstehen.
Man denkt dabei, klar - direkt an George Orwells 1984.
Der totalitäre Überwachungsstaat.
Faschistische Methoden.
Das Erfinden völlig neuer Bedeutungen für Begriffe aus der großen weiten Welt da draußen, erinnert doch stark an Orwells Neusprech.
Der Vater indoktriniert seine Kinder allerdings nicht durch eine Vereinfachung der Sprache, wie in Orwells Roman, sondern durch eine andere Form der Sprachmanipulation.
Die Bagatellisierung.
Er nimmt ihnen dadurch die Neugier, er hält sie dumm.
Das Meer, ein Symbol für Unendlichkeit, Freiheit,
aber auch für Bedrohung, Tiefe, Gefahr, wird hier zum Sessel, ein Ort der Beständigkeit, der Ruhe, ein fester Platz im Wohnzimmer.
Gleichzeitig, und hier zeigt sich die unglaubliche Vielschichtigkeit dieses Werkes, sind die ersten Berührungspunkte mit der echten Welt für die älteste Schwester ausgerechnet zwei VHS Kassetten, die sie von der Prostituierten erpresst.
Und damit tritt sie auch wieder nur von einer Scheinwelt in die nächste.
Sie schaut sich unter anderem Der Weiße Hai an, und sieht hier zwar das Meer, jedoch ebenfalls stilisiert.
Das Meer ist in Spielbergs Film schließlich eine einzige Gefahr.
Dass Filme jedoch mehr sind, als eine bloße Scheinwelt wird ebenfalls sehr fein herauskristallisiert.
Sie sind eben doch auch ein Spiegel der Gesellschaft, und so verspürt die junge Frau jetzt den Drang nach Individualität, sie sucht sich einen Namen aus.
Und eben jene Individualität ist genau das Gegenteil der gesellschaftlichen Ordnung eines totalitären Systems.
Ergo bilden sich erste Risse in der Fassade der perfekten Wirklichkeit.
Verschwörungstheorien
Durch die Pandemie, Donald Trump und seine Fake-News bekommt der Film heutzutage sogar noch zusätzliches Gewicht.
Man sieht in nochmal mit anderen Augen.
Der Vater füttert seine Kinder mit derart abstrusen Lügen und Behauptungen, dass wir als Zuschauer uns teilweise überhaupt nicht mehr einkriegen können vor Lachen nur damit uns dieses Lachen im Halse stecken bleibt.
Bei Trump war es im Grunde genommen das gleiche.
So einen Blödsinn glaubt doch niemand, wer würde sich schon Desinfektionsmittel spritzen?!
Sieht man diesen Film heute, dann realisiert man, dass selbst Lanthimos' Oberfläche, die böse-bizarre Familiengeschichte, die wohl eher als Parabel gedacht war, so realitätsfern gar nicht ist.
Trump hatte sich zwischenzeitlich sein ganz eigenes Dogtooth geschaffen.
Und Trittbrettfahrer wie Attila Hildmann oder Michael Wendler folgten seinem Beispiel.
Die Lügen des Vaters funktionieren doch im Grunde genommen genauso wie Verschwörungstheorien.
Auch in der Scheinwelt der Echsenmenschen und BRD-GmbH leben Menschen.
Wir lachen über das wirre Geschwurbel vielleicht, aber für diese Menschen ist das die Wirklichkeit.
Und damit kommen wir zu:
Platons Höhlengleichnis
Der griechische Philosoph Platon beschrieb einst in einem Gedankenexperiment folgende Situation:
Eine Gruppe Menschen wird in einer Höhle unter der Erde ihr ganzes Leben gefangengehalten, die Erdoberfläche erreicht man nur über einen steilen Gang nach oben.
Hinter ihnen befindet sich ein Feuer.
Die Gefangenen sind so an Nacken und Beinen gefesselt, dass sie nur stur geradeaus an die Felswand der Höhle blicken können.
Zwischen die Gefangenen und das Feuer werden nun verschiedene Gegenstände gehalten, was die Gefangenen als Schatten vor sich auf der Höhlenwand wahrnehmen.
Da sie nichts anderes kennen, nehmen sie diese Schattenbilder als ihre Wirklichkeit wahr.
Sie deuten diese, treffen Vorhersagen.
Wenn man jetzt einen der Gefangenen von seinen Fesseln befreien würde, wäre er erstmal geblendet vom grellen Licht des Feuers.
Sobald er sich ans Licht gewöhnt hat, sieht er die Gegenstände, die die Schattenbilder erzeugen, glaubt jedoch weiterhin daran, die Schatten wären die Wirklichkeit und kehrt lieber in die vertraute Umgebung zurück.
Wenn man diesen Gefangenen jedoch bis an die Oberfläche schleppt, sieht er wie schön die Welt dort oben ist.
Er kehrt zurück in die Höhle und möchte die anderen Gefangenen befreien, muss sich jetzt allerdings erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen.
Er erkennt jetzt die Schatten nicht mehr richtig, die anderen Gefangenen machen sich über ihn lustig, und wollen überhaupt nicht befreit werden.
Die Welt da draußen scheint ja schließlich so gefährlich zu sein, dass sie die Menschen erblinden lässt.
Wir sehen demnach alle nur ein Abbild der wahren Wirklichkeit, beeinflusst durch unsere Sinneseindrücke.
Lanthimos erschafft mit diesem Film eine solche platonische Höhle, in die die Kinder gesteckt werden.
Die Eltern sind wie die Puppenspieler in der Höhle, die mit Gegenständen eine Scheinwelt erzeugen.
Flugzeuge hoch oben am Himmel sind nur kleine Spielzeuge, Sinatra der Großvater und Sex ist etwas ganz und gar unemotionales, unerotisches.
Der angeblich verschollene Bruder hingegen erinnert an den freigelassenen Gefangenen in Platons Gleichnis, der blind aus der freien Welt zurückkehrt.
Doch was hat es sich mit der Katze als Feindbild auf sich?!
Katzen & Hunde
Hunde sind äußerst loyal, und ihrem Herrchen treu ergeben, genau das Ideal das der Vater für seine Kinder sieht.
Wie bei Hunden basiert die Erziehung auf einem Belohnungsprinzip.
Es wird ihnen letzten Endes ja sogar beigebracht einen Hund zu imitieren, um sich vor der bestialischen Katze tu verteidigen.
Katzen hingegen sind eher eigenwillige Tiere, die für gewöhnlich das tun was sie wollen.
Eine Erziehung gestaltet sich schwieriger.
Das ideale Feindbild.
*Wer Dogtooth noch nicht gesehen hat, sollte es schnellstmöglich nachholen, und alle anderen sehen sich ihn einfach nochmal an.
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