Ich stehe dem anhaltenden True Crime Hype ziemlich skeptisch gegenüber. Wie aus tatsächlichen Verbrechen und damit dem Leid echter Menschen Kapital generiert wird, stellenweise Täter glorifiziert werden und Laien Detektiv spielen, stößt mich eher ab. Auch die Idee, aus der vermeintlichen Authentizität der Geschichte Spannung zu ziehen, erschließt sich mir nicht. Schließlich sind seit Jahrzehnten schon unzählige Horrorfilme "based on true events".
Trotzdem fand ich das Projekt interessant, weil hier vier unterschiedlichen junge deutschsprachige Personen auf dem Regiestuhl Platz genommen haben. Ich habe mir vier stilistisch unterschiedliche und wertig produzierte Krimi Geschichten erhofft und zum größten Teil auch bekommen.
**Dezember** von Mariko Minoguchi (Mein Ende. Dein Anfang) fällt direkt durch die ambitionierte Inszenierung auf. Ein Großteil der Folge besteht aus drei Long Takes, die einen sehr gut in die Geschehnisse hineinziehen. Die Geschichte ist mehr eine Aneinanderreihung unglücklicher Entscheidungen als ein konkretes Verbrechen aber ein gelungenes Experiment.
**Deine Brüder** von Helene Hegemann (Axolotl Overkill) mixt Gerichtsfilm mit einem ruppigen Coming of Age Film. Die Verhandlung der Tat wird immer wieder durch Rückblenden auf Täter und Opfer unterbrochen. Eine Folge, die zwischendrin etwas ausufert und auf der Stelle tritt aber einige interessante visuelle Ideen bietet.
**Der Panther** von Jan Bonny (Wintermärchen) zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben eines überdrehten V-Mann, der leider von Lars Eidinger gespielt wird. Daraus ergibt sich eine nervige Egoshow, in der Eidinger komplett frei dreht, alles an sich reißt und mir alles versaut hat.
**Love by Proxy** von Faraz Shariat (Futur Drei) spielt gekonnt mit den Mitteln des unzuverlässigen Erzählers und ist inhaltlich die ambitionierteste Folge. Statt auf der Ebene des Verbrechens zu bleiben, werden die globalen Hintergründe aufgezeigt und angeprangert. Die Spannung kann zwar nicht über die ganze Laufzeit gehalten werden aber trotzdem eine gelungene Auseinandersetzung mit dem politischen Kontext.
Insgesamt haben mir drei der vier Folgen mindestens gut gefallen. Ich hätte mir stellenweise etwas mehr Experimentierwut und Konsequenz gewünscht aber im Rahmen einer deutschsprachigen Krimiserie ein interessantes Projekt. Falls eine weitere Staffel kommt, würde ich mir aber noch unterschiedlichere Ansätze und formale Abwechslung wünschen.
Als Tipp zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen True Crime sei allen der großartige Red Rooms ans Herz gelegt!