Mirror
Der Spiegel/Mirror ist für viele sicherlich nicht der Lieblings-Tarkowski unter allen Filmen Tarkowskis, so entzieht sich der Film jeglichem Handlungsstrang und noch so klarem Zusammenhang im Gesamtkontext. Für mich aber ist Der Spiegel sogar eindeutig vor Stalker und auch vor Solaris. Ab einem gewissen Niveau zählen nur noch die persönlichen Präferenzen, um eine Einordnung des filmischen Werkes eines so großen Künstlers zu treffen. Deshalb wundert es mich kaum, dass Der Spiegel auf Anhieb vollumfänglich für mich funktioniert hat.
Zunächst ist da die angesprochene Aufhebung einer eindeutigen Rahmenhandlung. Es existiert keine Dramaturgie, wie wir sie sonst kennen, wir springen auf der zeitlichen Ebene vor und zurück, wir bekommen keinen Hintergrund darüber, wo wir uns überhaupt befinden. Unter diesen Gesichtspunkten begreife ich nun, weshalb ich bei Reviews von In die Sonne schauen vereinzelt Vergleiche zu Der Spiegel gelesen habe: Wie bei Tarkowski ist Schilinskis Film eher fragmentarisch gestaltet; eine Abfolge von Erinnerungen, ob lebensverändernd oder noch so banal, es spielt keine Rolle. Nun verstehe ich auch zunehmend meine Faszination für den besten Film des vergangenen Jahres, denn es ist schlicht das Erzählen des Nicht-Erzählens, als wenn ein fremder Mensch die Erinnerungen aufs Papier bringt, die ihm im Angesichts des Todes noch immer geblieben sind. Sollte nach dem Tod alles vorbei sein, sind dann die Erinnerungen auch verschwunden? Wofür hat man dann überhaupt gelebt? Tarkowski deutet an, dass die Erinnerungen weiterleben, schließlich entziehen sie sich der Logik von Raum und Zeit. Sie sind ein Konstrukt des Geistes, im Gegensatz zum Konstrukt des Körpers, der auf einen klaren Anfang (Geburt) und ein klares Ende (Tod) reduziert ist. Bei Erinnerungen existiert diese Logik nicht. Warum entsteht zum Beispiel ein Dé-jà-vu? Dies fragt sich der junge Ignat, nachdem scheinbar unbedeutend das Geld auf dem Boden liegt. Der gesamte Film ist ein einziges Dé-jà-vu, bei dem Erlebnisse nur lose miteinander verbunden sind und dennoch einen Sinn ergeben.
Ein anderer Aspekt ist die einzigartige Kameraführung. Besonders in diesem Film Tarkowskis kommt sie zum Ausdruck, indem sie gespenstisch (ähnlich zu In die Sonne schauen) durch die Räume gleitet. Die unsichtbare Kamera agiert selbst als Protagonist im Geschehen, nur mit der Besonderheit, dass dieser Protagonist bereits tot ist und wie ein Geist auf sein Leben zurückblickt. Auffällig ist, wie extrem entschleunigt und langsam die Kamera umherwandert. Manchmal werden die Bilder auch in Slow-Motion abgespielt. Dies steht im krassen Kontrast zur Hektik, die oftmals von den Figuren ausgeht. Beispielsweise wenn die Mutter Natalja in die Druckerei stürmt, heißt es aus verschiedenen Ecken, alles würde so schnell laufen, man habe ja heutzutage gar keine Zeit mehr.
Tarkowski lehrt uns: Es sind die unscheinbaren Dinge im Leben, die das Leben lebenswert machen. Denn sie sind die Erinnerungen, auf die man am Ende seines Lebens mit Freude zurückblickt. Nicht immer die lebensverändernden Aktivitäten, die man in den Lebenslauf schreibt. Der wahre Lebenslauf findet im echten Leben statt, und diesen Lebenslauf nehmen einzig wir selbst wahr. Der Spiegel entzieht sich allen gängigen Sehgewohnheiten des Kinos und erinnert uns daran, das Leben nicht durch den schnelllebigen Alltag vergrauen zu lassen, sondern stehenzubleiben, um die kleinen Dinge zu beobachten. Das meint Tarkowski wohl, wenn er uns fordert zu sehen, statt nur zu schauen.
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