The Shining
Kubrick spielt in Shining mit einer grotesken Ambiguität.
Bereits im Intro des Films werden Ambivalenzen deutlich, wenn der Filmtitel sowie die Namen des Casts in blauer Druckschrift läppisch über den Bildschirm rattern, während aus der Vogelperspektive ein Auto verfolgt wird. Etwas ist hier falsch. So beginnt kein Kubrick-Film in gewohnter Manier. Diese seltsame Distanz, die konträr zur Bildsprache Kubricks steht, die ja sonst aus einem Close-Up eine Totale entstehen lässt, um das Subjekt zu verkleinern.
Die Figur des jungen Danny verkörpert die Bedeutungsunsicherheit auf der narrativen Ebene. Das Prinzip „Shining“ verbindet nämlich das Foreshadowing mit unzuverlässigen Flashbacks, man könnte bei dieser Verknüpfung auch von einer zeitlichen Spiegelung sprechen. Mögliche Vergangenheit und Zukunft der gegenwärtigen Handlung werden somit symmetrisch dargestellt, wie die symmetrische Anordnung der Hotelräume. Auch die Zwillingsschwestern erscheinen in ihrer Präsenz stets symmetrisch zueinander. Die Spiegelung erlangt ihren Klimax in der Spiegelung des Wortes REDRUM-MURDER. Sobald Wendy sie erblickt, findet der Film auch seinen dramaturgischen Klimax, denn jetzt übernimmt der Wahnsinn durch Jack die absolute Kontrolle. Nun kollabiert die Unterscheidung zwischen mutmaßlicher Erinnerung und Vorhersage; Jack wird zu dem, was bereits geschah. Die Zeit im Overlook-Hotel verläuft somit nicht linear, sondern kreisförmig. (Das Prinzip der zeitlichen Spiegelung lässt sich später in abgewandelter Form auch in Nolans Tenet wiederfinden.)
Der Horror funktioniert, weil das Chaos den Rezipienten permanent in Unsicherheit bringt. Existieren nun beide Ebenen gleichzeitig? Ist womöglich die spiegelverkehrte Version die wahre Realität? Wer ist hier überhaupt verrückt? Das zu beobachtende Subjekt innerhalb der Handlung oder dessen Beobachter, welcher die Handlung aus seiner betrachtenden Position heraus vor- und zurückspulen kann? Wer macht hier wen zum Wahnsinnigen?
Dass Jack schon anfangs irre ist, ist zwar eine Abweichung von Kings Roman, doch genau passend für Kubricks Ambiguität, die seinen Film prägt. Der Ursprung des Wahns bleibt verborgen, er wird lediglich angedeutet. Isolation, Alkoholismus, häusliche Gewalt; alles ist miteinander verbunden, und genau das macht es so schwer, den Ursprung der psychischen Zerstörung zu identifizieren. Die Wirklichkeiten konkurrieren im Film miteinander, sodass die Angst primär aus dem Zusammenbruch von Gewissheit entsteht.
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