Vertigo
Sollte das Prinzip des Spoilern in der Filmwelt fest etabliert werden? Wenn es nach Vertigo geht, könnte man durchaus dafür argumentieren.
Anders als bei Psycho wird der große Twist nicht zum Ende hin, sondern noch mitten in der Handlung selbst von Judy offenbart. Den Brief, den sie nie an Scottie absenden wird, erfahren nur wir. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir den Film sehr genau aus Scotties Perspektive heraus gesehen; sein Blick, wenn er sich in Madeleine verliebt, seine Irritation und Neugier, was es mit dieser Frau auf sich hat. Nun sind wir ihm plötzlich einen Schritt voraus. Dennoch, das lehrt uns Vertigo, macht es das nachfolgende Sehen nicht uninteressanter. Die typische Krimi-Frage „Wer ist der Täter?“ stellt sich nicht mehr, stattdessen fragen wir uns: „Wie zerstört die Wahrheit Scottie?“
Durch den frühen Twist lenkt Hitchcock den Fokus auf die Form des Films. Themen wie Illusion, Obsession und Manipulation rücken nun optisch mehr in den Vordergrund (zum Beispiel das Neon-Licht, wenn Judy sich zu Madeleine verwandelt). Kann man also nun konstatieren, dass man sich vor jedem Film selbst spoilern sollte, damit man vom Inhalt weniger abgelenkt wird und sich besser auf die Form konzentrieren kann?
Zwar führt das Spoilern dazu, dass der Rezipient den Film losgelöster von seinen Emotionen sieht. Jedoch kann in diesem Fall auch die schlichte Freude am Sehen schnell verloren gehen. Form und Inhalt strikt voneinander zu trennen, ist eindeutig falsch: In Vertigo ist die narrative Täuschung ja selbst ein formales Mittel, dessen Effekt durch einen Spoiler vermindert würde. Andere Beispiele wären hierfür Scorseses Shutter Island oder Shyamalans The Sixth Sense. Wer diese Filme bei der Erstsichtung unter dem Wissen des Twists schaut, kann unmöglich dieselbe Seherfahrung teilen wie ohne Spoiler. Gleiches gilt für Psycho. Keineswegs führt dies zur Logik, dass diese Filme ausschließlich auf den Twist abzielen. Vor allem ein Psycho wird dadurch nur noch interessanter und entfacht die Neugier, den Film weitere Male zu sehen, nun gedanklich aus einer anderen Perspektive.
Daher halte ich es für sinnvoll, einen Film bei der Erstsichtung möglichst ohne Spoiler im Vorfeld zu sehen, denn Filme zu sehen bedeutet eben auch, Spaß zu haben. Analytische Auseinandersetzungen mit der Form werden dadurch nicht ausgeschlossen. Ansonsten wäre das Prinzip des Rewatchen komplett sinnlos.
#hitchcock#bluray#kurzanalyse