Dune
Vorweg: Ich schalte keine pauschale Spoilerwarnung, weise aber auf sich nähernde Spoiler hin, sodass keiner vor Schreck den Beitrag überspringen muss :)
Um das gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein Maler.
Doch scheint es mir, als habe Villeneuve den Beruf gewechselt.
Was genau das jetzt heißen soll, so könnte ich die Frage nicht einmal eindeutig beantworten; und doch möchte ich den Parallelismus so weit wie möglich ausführen.
Als ich an diesem milden Mittwoch Abend in den alten schmatzenden Kinosessel fallen lasse, grinst Denis mich schon an: „Der Film nicht für deinen kleinen Fernseher gemacht worden. Warst du nochmal auf der Toilette?“ Er steht schon an der Leinwand, bereit seine Visionen auszubreiten.
In den kommenden 155min werde ich einen Film sehen, wie ich ihn bisher noch nicht gesehen hatte. Ein Film mit einer selbstverständlichen Hybris, einer übergroßen Ambition - sie wird in ihren Bann ziehen, aber sie wird ihn auch wieder erden.
Sein Problem ist zugleich Faszination.
Gekonnt, wie ein professioneller Maler, zeichnet Villeneuve eine Prämisse wie gleich Charaktere. Mit einer leidenschaftlichen Ruhe werden die Kulissen bestückt, gezielt Lore-Bruchstücke eingewoben. Man spürt wie die Welt lebt, wie sie atmet und wie sie funktioniert. Sei es eine Unterhaltung über das Pflegen von heiligen Palmen in einer lebensfeindlichen Umgebung oder eine kleine Wüstenmaus, welche gesammelten Schweiß und kondensiertes Wasser an den Ohren auffängt. „Show don’t tell!“ wird hier gelebt; nicht nur gedacht.
Visueller Bombast, der neue Maßstäbe setzt, zeigt was heutzutage mit genügend Willen, Können, Vision und schlussendlich Geld möglich ist. Auch im Soundbereich brilliert der Film mithilfe von hochqualitativen Effekten und effektiven Mixing. Hans Zimmers opulenter, wie auch durchaus passender gewinnt zwar imo keinen Innovationspreis, schafft es aber im hier und jetzt eine Verbindung zur Handlung aufzubauen.
Die Schauspieler ächzen, knacken & knarzen unter der Last der Inszenierung und Ambition. Und doch brechen sie nicht unter der Last. Ich finde sie durch Bank weg überzeugend. Timothée Chalamet sogar großartig. Jason Mamoa wiederum gar nicht. Das hat allerdings einen anderen Grund, auf den ich erst noch komme.
In seinen besten Zeiten spüre ich die Charaktere jedoch. Ihre Freude, ihre Zuversicht, ihre Motivation, aber auch ihren Zwiespalt, ihre Angst und ihre Unsicherheit; sie alle holen mich absolut ab.
Da steht Villeneuve nun stolz und freudestrahlend vor seinem Werk. Man erinnere sich an den Maler-Vergleich.
Das fertige Werk ragt hoch über den Kanadier hinaus. Fertig?! Das denkt er - und der Zuschauer. Oder vielleicht doch NUR er?
Denn bei genauerer Betrachtung fällt auf; die Leinwand trägt nur eine Grundierung. Wahrlich beispiellos aufgetragen, wurden mit den besten Pinseln nur die besten Grundierungsmittel genutzt, die man mit Geld kaufen kann.
Aber es ist halt nur eine Grundierung.
Zurück in die Filmsprache übersetzt könnte man sagen, das alles wäre ein Prolog mit unendlich viel Exposition gestopft. Denn -ganz ehrlich- genau fühlt es sich an.
Jede der hundertfünfundfünfzig Minuten war es wert im Film zu bleiben. Ich habe es geliebt und aufgesogen wie ein Schwamm. Doch lässt man die Handlung nochmals Revue passieren, so wird in über zweieinhalb Stunden nur…
Achtung Spoiler - bitte ggf. eingezogenen Absatz überspringen:
- die Ausgangslage wird erklärt und gezeigt (interstellare Lage und die betroffene Familie)
- eine Familie auf einen anderen Planeten versetzt (und das quasi von einer auf die andere Szene)
- die Eigenheiten des neuen Zuhauses werden erkundet
- die alten Besitzer werden böse und erobern ihn zurück, währenddessen der Vater getötet wird
- Paul flieht vor den bösen, alten Besitzern und „freundet“ sich mit den Eingeborenen an
Und obwohl der Film handlungsbezogen nicht viel zu erzählen hat, schafft er nicht alle Ideen, Ansätze, Beziehungen und Fragen konsequent zu Ende zu erzählen, geschweige denn nur weiterzuentwickeln oder nur zu erläutern.
Nur zur Erläuterung mal am Beispiel mal an der von Jason Mamoa verkörperten Figur des Duncan Idaho.
Achtung Spoiler - bitte ggf. eingezogenen Absatz überspringen:
Die gesamte Familie Atreides scheint mit Duncan irgendwie verbunden zu sein, jedenfalls über den Fakt hinaus, dass er ein besonderes Kämpfervorbild innerhalb der eigenen Truppen verkörpert. Paul Atreides reißt es aus jeder Lebenslage (und sei es ein geordneter, staatsmännischer Machtakt) vernimmt er nur die Silhouette von Duncan Idaho. Wie in einem Fall von drogeninduzierter Ekstase rennt der junge Mann enthirnt in dessen weit geöffnete Arme. Woher diese innige Freundschaft der beiden stammt, woher die Figur des Duncan Idaho allgemein kommt und vor allem was Duncan im Endeffekt dazu bewegt sein Leben für Paul zu geben, dazu macht „Dune“ nicht einmal Andeutungen. Und so bleibt dem Zuschauer nur, dies als gegeben hinzunehmen. Egaler könnte mir der heroische Tod eines Charakters nicht sein; da kann Timothée Chalamet noch so traurig in die Kamera schauen.
Anhang weiterer offener Fragen und Ansätze (Schwächen von Handlung und Film):
- Bene Gesserit -> Woher kommen sie? Was wollen sie? Warum konnten sie trotz ihres großen Einfluss die Rückeroberung nicht stoppen?
- Welche Verbindung besteht seitens der Mutter zu den Bene Gesserit?
- Warum dreht sich das „Main-Objective Zendaya“ den ganzen Film immer nur langsam nach hinten in die Kamera? Wie kann Paul überhaupt von ihr träumen?
- Warum handelt der Imperator so wie er handelt?
Doch woher kommen nun 4 1/2 Sterne, wo ich hier doch so viel herumkrittele und solche Bewertungen nicht mit vollen Händen verteile?
Ich muss gestehen, dass der Film an mir gereift ist. Anfangs hatte ich ihm noch gnädige vier Sterne gegeben.
Ich dachte, der zentrale Satz meines Beitrages würde dieser hier sein: „Ein Film mit einer selbstverständlichen Hybris, einer übergroßen Ambition - sie wird in ihren Bann ziehen, aber sie wird ihn auch wieder erden.“.
Stattdessen musste ich einen anderen Satz gerade eben nachträglich einfügen.
Sein Problem ist zugleich Faszination.
Viele Probleme entstehen hier nicht aus Versehen, sondern in voller Absicht.
Das Streben Villeneuves beansprucht mehr Platz und Raum als das Medium „Film“ an einem Stück herzugeben vermag.
Es ist wahrlich schwer zu beschreiben. Manche Reviewer vergleichen das Gefühl im Kino bei „Dune“ mit jenem, als sie das erste Mal in „Der Herr der Ringe“ saßen. Zu diesem Zeitpunkt war ich ein gutes Jahr alt. (Man verzeihe mir die Gedächtnislücke.)
Aber ich werde diesen, sich immer weiter ausbreitenden Eindruck nicht los, den Beginn eines Epos gesehen zu haben, der auch in den nächsten Jahren noch seines Gleichen suchen wird.
Seine Problemchen regen an, machen Hunger auf mehr (nicht auf eine billige Cliffhanger-Art). Ich will mehr. Ich würde fast sagen, dass die Art der Erzählung deswegen so fesselt, da sie nicht in ein typisches Film-Korsett gedrückt wird.
Ich hoffe ein neuer Teil kommt. Villeneuve hat sich spätestens mit diesem Film in mein Herz gebrannt. Und wenn es lange dauert; aber bitte verhunzt es nicht. Bis dahin kommt „Dune“ wohl erstmal bis auf weiteres zu meinen Favoriten.
P.S. Mein ganz persönlicher Tipp: Lasst den Film min. ein paar Tage auf euch wirken. Lasst euch nicht von euren ersten Gedanken nach dem Kinogang beeinflussen. Lasst euch Zeit und nehmt euch sie auch, denn möglicherweise ist das der Beginn von etwas ganz Großem.
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