Boyhood
Boyhood war für mich eine einzigartige und aussergewöhnliche Erfahrung. Der Film hat etwas in mir ausgelöst, das jahrelang unbemerkt in mir geschlummert hat, und brachte es in einer Weise zum Ausdruck, die mich zutiefst berührt. Besonders das letzte Drittel, das sich intensiv mit den grossen Fragen des Lebens auseinandersetzt, hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Boyhood verfolgt ein einzigartiges Konzept und schaut sich daher wie kein anderer Film. Er wurde über 12 Jahre hinweg gedreht. Wir sehen die Schauspieler in ihren Rollen altern und werden immer wieder durch die Musikwahl, Mode und Trends in das jeweilige Jahr zurückgeworfen. Boyhood zielt darauf ab ein nostalgisches Gefühl hervorzurufen und da es Überschneidungen mit meinem Aufwachsen gibt, war die Nostalgie bei mir besonders intensiv. So wurde bei mir wahrscheinlich ein gutes Fundament für eine emotionale und persönliche Interpretation des Films geschaffen und stimmte mich definitiv rezeptiv.
Im Zentrum des Films steht Mason [Ellar Coltrane] und sein Heranwachsen. Mehr von der Handlung zu erläutern, ist bereits schwierig, da Boyhood keine Geschichte erzählt, vielmehr ist es eine kommentarlose Aneinanderreihung von Momenten aus dem Leben eines Jungen aus den 2000er, die in ihrer Gesamtheit ein Porträt des Menschseins zeichnen. Es gibt keine Konflikte, die sich zuspitzen, keine abgeschlossenen Handlungsstränge und jede Möglichkeit für Spannung und Charakterentwicklung wird links liegen gelassen. Dies führt sicherlich dazu, dass man den Film als extrem langweilig wahrnehmen kann. Wenn man aber mit Mason und seiner Suche nach einem Platz in der Welt resoniert, begibt man sich auf den Pfad von emotionaler Reflektion.
Boyhood bietet eine so wundervolle und einzigartige Möglichkeit, über den Lauf der Zeit und unsere Erinnerungen nachzudenken. Und ich komme zum Schluss, dass jeder Moment entweder in meiner Erinnerung bleibt oder in Vergessenheit gerät. Das Leben ist ein konstanter Strom von Eindrücken und Erfahrungen und der Inhalt ist oftmals zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass ich in allen Momenten fühle. Damit meine ich, mich in der Situation wirklich wahrzunehmen und meine Reaktion, Emotion und mein pures Sein zu akzeptieren.