

Ein Milliardär besitzt tausend Millionen. Elon Musk verfügt über 839 Milliarden USD und ist damit 54 Milliarden Dollar reicher als Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Larry Ellison und Warren Buffett zusammen. Genau diese absurden Geldmengen stehen im Zentrum von Guy Ritchies neustem Heist-Action-Hybrid, in welchem ein Team von hochqualifizierten Einsatzkräften die gestohlene Milliarde eines skrupellosen Despoten zurückholen soll. Grundsätzlich wäre dies der perfekte Aufhänger für eine bissige Auseinandersetzung mit unserem Geld- und Schuldensystem, die eine solche Vermögenskonzentration überhaupt ermöglicht. Doch so eine gesellschaftskritische Vision von einem 98-minütigen Actionfilm unter der Leitung von Guy Ritchie zu erwarten, ist zu viel. Trotzdem legt der Aufbau nebenbei etwas offen, das man als Zuschauer nicht ignorieren sollte. Nämlich dass eine derartige Vermögenskonzentration eine allokative Ineffizienz des fortgeschrittenen Kapitalismus ist. Zwar liegen diese Vermögen grösstenteils in Unternehmensanteilen und sind insofern produktives Kapital, doch der ökonomische Grenznutzen jedes weiteren Dollars in den Händen eines Milliardärs tendiert gegen null, während derselbe Dollar in den Händen einer armen Familie über Schulbildung, Gesundheit oder Ernährung entscheiden würde. Hinzu kommt, dass diese Anteile einer kleinen Gruppe unverhältnismässig viel Stimmrecht, Kontrolle und Einfluss in demokratischen Prozesse verleihen. Wer Tesla oder Meta steuert, lenkt nicht nur eine Firma, sondern auch den medialen Diskurs, die politische Lobbyarbeit und ganze technologische Entwicklungspfade. Was Ritchie hingegen wieder auf die Leinwand bringt, ist seine über Jahrzehnte erprobte und bewährte Lieblings-Dynamik: Hinter jedem Reichen steht ein Reicherer, hinter jedem Skrupellosen ein noch Skrupelloserer. Salazar [Carlos Bardem] mag der Antagonist sein, den Sidney [Henry Cavill] und Bronco [Jake Gyllenhaal] mit ihrer Auftraggeberin Rachel Wild [Eiza González] auf seiner eigenen Insel konfrontieren, doch der Film macht früh klar, dass auch er nur ein Knoten in einem viel grösseren Netz aus Geld und Macht ist. Und so schwebt über allem die Frage, was in dieser Welt aus Schulden und Gier am Ende noch übrig bleibt. Ritchies Antwort ist klassisch und in vielen seiner Werke zentral: Übrig bleiben Vertrauen und Loyalität, hier zwischen den beiden Männern und Rachel. Ritchies handwerkliches Können bleibt dabei unbestritten. Er versteht Pace, Textur und wie man moralisch fragwürdige Charaktere so zeichnet, dass man ihnen trotz allem folgen will. Die Welt, die er erschafft, fühlt sich gelebt und schmutzig an, und seine Agenten bewegen sich in jener Grauzone zwischen Söldnern und Gentlemen, die einen Ritchie-Film unverwechselbar macht. Allerdings schlägt der Humor nicht in jener Stärke ein, die man von Ritchie gewohnt ist. Die typischen schnoddrigen Wortgefechte, die Snatch oder Lock, Stock and Two Smoking Barrels ihre DNA verliehen, liegen weder Henry Cavill noch Jake Gyllenhaal wirklich im Mund. Zudem wirkt Salazar auf mich zu ungefährlich und unsere Protagonisten sind beinahe unverwundbar, was in der Summe die abschliessenden Action-Sequenzen ihrer Spannung beraubt. Wer keinen Treffer einsteckt, kann auch nicht verlieren, und ohne diesen Zweifel am Ausgang verkommen selbst die aufwändigsten Choreographien und praktischen Effekte zu folgenlosem Spektakel. Action-Kino funktioniert nicht, weil wir wissen, dass die Helden gewinnen, sondern weil wir kurzzeitig daran zweifeln dürfen. Die Verbindung aus Heist- und Action-Genres rettet einiges. Die Heist-Mechanik zu Beginn bringt jene raffinierte Komponente ein, die der reinen Action fehlt. Der Film nimmt sich in einer grossen Exposition die Zeit, die schmierige Wirtschaft der Schattenökonomie aufzuzeigen und zu zeigen, wie die drei Protagonisten auf hinterlistige Art Salazars Vermögenswerte beschlagnahmen. In the Grey ist letztlich ein kompetenter Genre-Beitrag, gehört aber definitiv nicht zu Ritchies besten Werken. Es war ein sehr unterhaltsamer Filmabend mit meiner Schwester, und ich glaube fast, deswegen wird mir dieser Film in Erinnerung bleiben und nicht wegen seiner Geschichte.

Netflix-Dokumentationen sollten mittlerweile ihr eigenes Genre bilden. Wieder wird ein dreieinhalb Jahre altes Drama mit einer mittelmässigen Faktenaufarbeitung neu aufgewärmt. Der einzige nennenswerte Unterschied: In Untold: Chess Mates kommen zum ersten Mal auch neue Standpunkte und Sichtweisen der Beteiligten zur Sprache. Im Zentrum stehen die Betrugsvorwürfe, die Magnus Carlsen 2022 nach seiner Niederlage gegen Hans Niemann am renommierten Sinquefield Cup in den Raum warf und die der grösste Anbieter von Online-Schach, chess.com, anschliessend weiter befeuerte. In der Folge dieser unbewiesenen Anschuldigungen und der ausgesprochenen Spielsperre wurde Niemanns Schachkarriere für immer beschmutzt. Wie es mit ihr weitergeht und welche Konsequenzen Magnus Carlsen aus der Sache tragen muss, bleibt auch nach dem Ende der 74-minütigen Doku unklar. Viel interessanter sind ohnehin die männlichen Egos, die hier ungefiltert zur Schau gestellt werden. Sowohl Niemann als auch Carlsen präsentieren sich in einer unausstehlichen Art und Weise. Ersterer suhlt sich in der Aussenseiterrolle, Letzterer inszeniert sich gleichzeitig als schlechter Verlierer und Unschuldslamm. An einer Stelle behauptet Carlsen sogar, von den chess.com-Verantwortlichen in die Irre geführt worden zu sein. Bei einem Telefonat direkt nach seinem Rückzug vom Sinquefield Cup hätten sie ihm versichert, über ausreichend Beweise für Niemanns Betrug zu verfügen. Beweise, die in diesem Mass nie vorlagen, schon gar nicht für die Partien am Brett. Das Allerdreisteste ist jedoch der Auftritt von chess.com-CEO Erik Allebest und CCO Daniel Rensch. Sie reden sich um Kopf und Kragen, um irgendwie unbeschadet aus der Geschichte zu kommen, nur um wenige Momente später darüber zu lachen, wie viel Profit ihre Firma aus dem von ihnen mit befeuerten Skandal gezogen hat. Dass sie dabei beinahe die Karriere und das Leben eines damals 19-jährigen Schachspielers zerstört haben, vergessen sie in diesem Moment komplett.

Der erste Teil von Der Teufel trägt Prada funktionierte, weil er konsequent das Fish-out-of-Water Prinzip durchzog: Andy Sachs [Anne Hathaway], die ambitionierte Yale-Absolventin mit journalistischen Träumen, wurde in eine Welt geworfen, in welche sie weder gehörte noch gehören wollte. Die Reibung zwischen ihrem inneren Wertegerüst und der oberflächlichen, hierarchisch durchstrukturierten Mode-Sphäre des Runway-Magazins war der Motor des Films. Zwanzig Jahre später kehrt David Frankel mit demselben Personal für ein Legacy Sequel zurück, nach dem niemand gefragt hat, doch das Fish-out-of-Water-Prinzip trägt nicht mehr. Dementsprechend muss das Sequel den Fokus auf das Verlagssterben in der digitalen Ära verlagern, was eine durchaus zeitgemässe und potenziell interessante Thematik wäre. Doch das Drehbuch kreiert aus diesem neuen Setting keine eigenständige Geschichte und so klebt der Film penetrant an den Mechanismen des Originals. Andy hetzt erneut wie ein aufgescheuchtes Reh von Aufgabe zu Aufgabe, um ihre Chefin Miranda Priestly [Meryl Streep] zufriedenzustellen. Es wird zwar behauptet, dass sie jetzt viel selbstsicherer ist, doch im Schauspiel von Anne Hathaway findet sich davon kaum eine Spur. Ihre Körperhaltung bleibt eingezogen, der Blick suchend, die Stimme weiterhin in jener fragenden Aufwärtsbewegung der Anfängerin. Besonders nervig ist, wie der Film mit dem Zuschauer umgeht. Die erste halbe Stunde besteht aus einer pausenlosen Erklärungsorgie, warum die Situation so ist, wie sie ist. Jede Beziehung, jede Hierarchie und jede Branchen-Veränderung wird vorgekaut, als ob das Publikum eine kollektive Amnesie erlitten hätte. Was bei einem Legacy Sequel ebenfalls nicht fehlen darf, sind gut platzierte Anspielungen auf den Vorgänger. In Der Teufel trägt Prada 2 sind diese allerdings nicht platziert, sondern grosszügiger gestreut, als ein Bauer sein Düngemittel im Frühjahr. Würden diese Anspielungen auch noch riechen, wäre der Vergleich perfekt. Beliebig hingeworfene Sätze wie "Ich habe mal deinen Job gemacht" oder "Geh ja nicht in das obere Stockwerk, wenn du etwas bei Miranda zuhause vorbeibringen musst" fühlen sich zum einen unecht an und sind zum anderen einfach nur unnötig, wenn im Anschluss dieselben Erinnerungen durch tatsächliche Szenen bedient werden. Das eigentliche Opfer dieser miserablen Konstruktion eines zweiten Teils ist Miranda Priestly beziehungsweise die geniale Meryl Streep. Im ersten Teil war ihre Figur unantastbar und ihre Macht, die sich aus ihrer absoluten Selbstgewissheit speiste, einschüchternd. In der Fortsetzung wird genau dieses Fundament unterspült, weil man den Druck rund um Mirandas Position bei einem sterbenden Print-Magazin künstlich erzeugt und sie nie mit der gleichen Selbstsicherheit auftreten lässt. Hier und da trifft man die herablassende Schärfe der Figur, aber an so vielen anderen Stellen setzt man ihr beispielsweise jemand vom HR daneben, der ihr dann sagt, dass man so nicht mit seinen Mitarbeitern umgehen darf. Übrig bleibt eine entkernte Version von Miranda, die weder die alte Bedrohlichkeit besitzt noch eine überzeugende neue Form findet. Meryl Streep liefert technisch sauber ab, aber in Erinnerung bleibt sie für diese Rolle definitiv nicht. In der zweiten Hälfte findet der Film für kurze Momente zu einer eigenen Stimme. Die Szenen rund um die Unternehmensübernahme und das damit verbundene Wegrationalisieren von Personal treffen einen Nerv, weil sie gegenwärtige Realität abbilden. Hier wird kurz spürbar, dass hinter den Modemagazin-Glamourbildern echte Existenzängste lauern und dass auch Miranda ein Räderwerk steuert, das sie selbst nicht kontrollieren kann. Doch diese Ansätze bleiben Skizzen. Im Gesamteindruck wirkt Der Teufel trägt Prada 2 wie ein gut kalkulierter Cash-Grab einer bisher ungenutzten IP. Das ist symptomatisch für einen breiteren Hollywood-Trend: Seit 2015 dominieren Legacy Sequels die Kinolandschaft, weil Studios in einer risikoaversen Branche lieber bekannte Marken ausschlachten, als in originale Stoffe zu investieren. Es gibt Beispiele, die zeigen, dass Legacy Sequels funktionieren können (Top Gun: Maverick), aber dann brauchen sie eine eigene Daseinsberechtigung und keine geliehene. Mit Sicherheit werden sich einige über diese Fortsetzung freuen, und es steht ausser Frage, dass solche Filme produziert werden dürfen. Aber ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass Legacy Sequels auch wirklich eine Geschichte mit Charakterentwicklung zu erzählen haben, statt sich an der Erinnerung an bessere Filme festzukrallen.

Für einen Film wie Anyone But You setzt man seine Erwartungen nicht allzu hoch an. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet dieser Film, getragen von einem Social-Media-Hype rund um Sydney Sweeney und Glen Powell, zum grössten Rom-Com-Box-Office-Hit seit 2020 mutierte. Aber dass genau dieser Film selbst unter der niedrigsten Messlatte hängen bleibt. Was dabei besonders ins Gewicht fällt, ist die fast schon aggressive Abhängigkeit von Zufällen und konstruierten Wendungen. Gepaart mit wahrlich unechten Dialogen macht es den Film zu einer echten Qual. Und gerade beim zentralen “Enemies to Lovers”-Versprechen werden die Plot-Conveniences zum Problem. Wenn die eigentliche Ursache für die gegenseitige Animosität ein simples Missverständnis ist, welches in unzähligen Möglichkeiten nicht geklärt wird, dann fühlt sich das nie echt an. Dass Bea [Sydney Sweeney] und Ben [Glen Powell] dann zueinanderfinden, ist im Ergebnis nichts, womit der Zuschauer emotional bewegt wird. Unter anderem weil die beiden Schauspieler kaum was abliefern und sowohl Sydney Sweeney wie auch Glen Powell nicht viel mehr anbieten als ihre fitten Körper.