Godzilla Minus One
Anscheinend steht Godzilla seit 1954 als cineastisches Mahnmal für die Schrecken der Nuklearwaffen. Mir waren nur die absurden Trailer der amerikanischen Versionen bekannt, in denen grosse CGI-Monster gegeneinander oder gegen das amerikanische Militär kämpfen. Verständlicherweise hielt ich meine Finger davon. Godzilla Minus One reflektiert hingegen eindringlich über die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs, insbesondere Japans Traumata durch die Atombombenabwürfe und die bestehende Angst vor nuklearer Auslöschung. Der Film entzieht sich der westlichen Neudefinition Godzillas als heroischer Titan und kehrt zurück zu seiner ursprünglichen Allegorie: Eine durch Atomwaffen geschaffene Naturkatastrophe die nicht nur physische, sondern auch psychische Verwüstung hinterlässt. Auf diese Weise ruft Godzilla Minus One in Erinnerung, dass das Monster eine Konsequenz des menschlichen Hochmuts ist, ein Resultat von imperialistischer Gier und militärischer Kurzsichtigkeit. Und die entmenschlichende Logik der Kriegsführung und imperialistische Expansionen werden konsequent fortgeführt und sind so präsent wie schon lange nicht mehr. Ein guter Godzilla-Film kann dabei lediglich ein Mahnmal sein für eine Welt, die weiterhin mit dem nuklearen Albtraum leben muss.
Der Kamikaze-Pilot Shikishima [Ryunosuke Kamiki], der seine Selbstmordmission nicht ausgeführt hat, kehrt als gebrochener Mann in ein zerstörtes Japan zurück. Schnell wird ihm aber klar, was Überleben bedeuten kann, wenn die Welt, in die man zurückkehrt, von Schuldzuweisungen und Verzweiflung durchzogen ist. Während Godzilla als physische Bedrohung bestehen bleibt, kämpft Shikishima zudem gegen die Geister der Vergangenheit, die Schrecken des Krieges, die ihn weiterhin verfolgen. Yamazaki nutzt diese Figur als Spiegel für eine Nation, die sich selbst zu einem ehrenvollen Tod verpflichtet hatte und nun lernen muss, die eigenen Schuldgefühle niederzulegen und in der neuen Realität weiterzuleben.
Die menschenverachtende Ideologie der japanischen Militärführung werden zudem greifbar, als der Film explizit erwähnt, dass Japan schlecht gepanzerte Panzer bereitstellte, Kampfflugzeuge ohne Schleudersitze gebaut wurden und dass junge Männer als Kamikaze-Piloten in den sicheren Tod geschickt wurden. Es war eine unfassbar düstere Auffassung, welche die eigenen Soldaten als reines Material sah, welches geopfert werden konnte, um imperialistische Ambitionen aufrechtzuerhalten.
Der Film bleibt jedoch nicht bei der Kritik an dieser Kultur des Todes stehen, sondern macht in seinen finalen Szenen die ganz klare Aussage, dass der einzige Weg, sich gegen die Unmenschlichkeit des Kriegs zu wehren, ist für das Leben anstatt für den Tod zu kämpfen. Und so steht Shikishima vor der Wahl, sich von den Schrecken der Vergangenheit erdrücken zu lassen oder einen Weg nach vorne zu finden. Es ist schlussendlich die Hoffnung, jene letzte Kraft, die in Pandoras Büchse verblieb, nachdem all das Schlechte aus ihr wich, die Shikishima überzeugt, am Leben zu bleiben. Er klammert sich an den Glauben, dass das Leben weitergehen kann, dass es einen Weg gibt, das Trauma zu überwinden.
Obwohl Godzilla Minus One historisch mit Nachkriegsjapan verwurzelt ist, wirkt er sehr aktuell. Die Bedrohung durch nukleare Waffen ist nach wie vor real. Menschliches Leben wird in geopolitischen Konflikten weiterhin wie eine tauschbare Ressource behandelt. Und auch wenn wir dank des NATO-Bündnisses in den letzten Jahrzehnten in Europa eine relativ friedliche Zeit erlebt haben, scheint es, als würde diese Weltordnung, für welche unsere Grossväter gekämpft haben, auseinanderbröckeln. Schlussendlich stellt sich die Frage, ob wir es schaffen können, eine Welt zu erschaffen, in der das Leben wirklich an erster Stelle steht. Oder ob wir erneut zusehen müssen, wie Grossmächte mit dem Schicksal der Menschheit spielen. Godzilla Minus One ist eine Erinnerung daran, dass wir als Gesellschaft Verantwortung tragen. Und dass es an uns liegt, ob wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen oder ob wir endlich anfangen, für das Leben und das Miteinander statt für den Tod und den Hass zu kämpfen.