Parasite
Bong Joon-ho’s Parasite legt die düstere Wahrheit der kapitalistischen Realität offen und zeigt auf wie das Wirtschaftssystem sowohl die Gesellschaft wie auch unsere persönliche Geisteshaltung beeinflusst. Neben einer Unmenge an Substanz bietet der Film ebenso viel Unterhaltung und cineastische Stilistik, sodass ich schon zu Beginn dieses ausführlichen Essays offenlegen kann, dass Parasite ein Meisterwerk ist.
Es ist offensichtlich, dass Parasite in erster Linie eine Kritik an der Klassengesellschaft ist. Doch mit einer tieferen Auseinandersetzung wurde mir klar, wie vielschichtig Bong Joon-ho’s Analyse der gelebten Realität ist und wie ich mein Wissen, welches von marxistischen Kapitalismus-Kritik bis zur Zen-Buddhistischen Lehre reicht, für ein holistisches Verständnis anwenden kann.
Parasite lässt sich für mich in drei distinkte Abschnitte gliedern. Der erste Teil fokussiert sich auf das Wirtschafssystem, dessen Ergebnisse sich auf das Gemeinweisen ausschlagen, was der Inhalt des zweiten Teils ist. Schliesslich widmet sich der dritte Teil der individuellen Ebene und zeigt, wie die strukturellen Gegebenheiten unsere persönlichen Wertevorstellungen verändern. Dieser Abfolge soll auch meine Analyse folgen.
Der kapitalistische Produktionsprozess
Wie Marx in seiner Kritik an der politischen Ökonomie beschreibt, benötigt der Geldbesitzer die menschliche Arbeitskraft um einen Mehrwert auf der Ware zu schaffen. Die Arbeitskraft findet sich auf dem Markt als Mensch, der zum einen über seine Arbeitskraft als Ware verfügt, aber sonst keine Produktionsmittel oder andere Alternativen besitzt, wieder. Er wird sozusagen zur Lohnarbeit gezwungen. Dem kapitalistischen Produktionsprozess liegt folglich ein asymmetrisches Klassenverhältnis von Eigentümern und eigentumslosen Arbeitern zugrunde.
In Parasite wird dieses Dynamik über die Beziehung zwischen den Kims und den Parks wiedergeben. Während die Familie Kim gezwungen wird Lohnarbeit zu leisten, ist die Familie Park ebenso auf die Arbeit der Kims angewiesen. Diese Abhängigkeit sieht man beispielsweise, nachdem die Haushälterin gefeuert wird und Yeon-kyo total überfordert in der Küche steht. Dabei kehrt der Film das titelgebende parasitäre Verhältnis um: Zu Beginn denken wir, dass die Familie Kim mit ihrem hinterhältigem Plan, bei welchem sie für die ganze Familie eine Arbeitsstelle bei den Parks organisieren, die Parasiten sind. Tatsächlich profitiert aber die Familie Park massiv von der Arbeit der Kims, ohne diese zu honorieren. In Wahrheit sind es demnach die Parks, die parasitär von der Arbeit anderer im Luxus leben.
Diese Unsichtbarkeit der Arbeiterklasse wird zudem durch den Charakter des Guen-se illustriert. Sein tägliches Betätigen des Lichtschalters, um Mr. Park die komfortable Illusion von technologischem Fortschritt zu vermitteln ist symbolisch dafür, dass die Errungenschaften des Kapitalismus auf der unsichtbaren Arbeit der Unprivilegierten ruhen.
Indem Parasite diesen kapitalistischen Produktionsprozess aufzeigt, stellt er bereits etwas klar: Kapitalismus als Wirtschaftssystem führt dazu, dass eine Klassengesellschaft entsteht. Und wie hart das Leben in der tiefsten Klasse aussieht, wird durch das Streben der Kims dargestellt.
Ungleichheit
Die Familie Kim führt in ihrer Souterrain-Wohnung eine grenznahe Existenz, in welcher man ohne konstante Anstrengung versinkt und untergeht. In ihrem Leben ist alles mit einem gewissen Kampf verbunden, sei es, dass sie etwas zu Essen haben oder das Verbinden mit dem WLAN des nächstgelegenen Cafés. Die Parks hingegen leben im Überfluss und es wirkt, als ob sie von den Härten des Alltags befreit sind.
Die Ungleichheit zwischen der beiden Familien wird besonders bei den Auswirkungen eines verheerenden Sturms mit starkem Niederschlag klar. Dieser überflutet die ärmeren Viertel Seouls und die Souterrain-Wohnung der Kims und ihr gesamtes Hab und Gut geht verloren. Während die Familie Kim gezwungen ist, in einer Sporthalle ein Notlager zu beziehen, verbringt der kleine Park Da-Song die Nacht im Garten der Parks in seinem Indianer-Zelt. Es ist offensichtlich, dass die Wohlhabenden vor Naturkatastrophen und anderen Krisen abgesichert sind, diese jedoch für die Armen enorme Rückschläge bedeuten und lebensgefährlich sein können.
Not crossing the line
Die Ungleichheit die aus dem Wirtschaftssystem resultiert, manifestiert sich in der gesellschaftlichen Struktur. Es entstehen hierarchische Schichten, die den Zugang zu Ressourcen wie Reichtum, Eigentum, Macht und Prestige regeln. Zwischen den Gesellschaftsschichten wird eine imaginäre Linie gezogen, welche im Film omnipräsent ist. Sei es durch den Abstieg der Kims über hunderte Treppen, als sie aus dem Haus der Parks flüchten müssen oder durch die häufige Erwähnung des störenden Geruchs der Kims. Auch im Dialog kommt diese Linie vor, Herr Park lobt beispielsweise die ehemalige Haushälterin, dass sie nie die Linie überschritt. Oberflächlich steht die Linie für Professionalität die er von seinen Angestellten erwartet, zugleich ist sie aber eine von ihm gezogene Grenze, die seinen Status als Vorgesetzten schützt.
Wenn wir dieser Trennlinie Glauben schenken und uns unter den Reichen einordnen, entsteht ein Phänomen das der marxistische Antonio Gramsci als kulturelle Hegemonie bezeichnet. Er argumentiert, dass soziale Gruppen Dominanz erlangten, indem sie die Mehrheit der untergeordneten Gruppen von einer bestimmten sozio-politischen Konstellation überzeugten und deren Zustimmung erlangten. Wir sehen dieses Phänomen der kulturellen Hegemonie, wenn wir hören wie Ki-taek seine Bewunderung für Herrn Park zum Ausdruck bringt, bevor er dessen Persönlichkeit oder die Geschichte hinter dessen Reichtums kennt. Das selbe gilt für Geun-se, der zu Herrn Park hinaufsieht als wäre er ein Gott. Kulturelle Hegemonie begünstigt ausschliesslich die herrschenden Klassen, und vermittelt jedem, der die gegenwärtige Weltanschauung nicht teilt, dass die vorherrschende Kultur etwas ist, das man anstreben sollte. So verlieren wir uns in der Lüge der ökonomischen Aufstiegsmöglichkeiten, die für die Ärmsten einfach nicht existieren. Es ist nahezu unmöglich im kapitalistischen System reich und mächtig zu werden, ohne Absicherungen, Glück und dem Zugang zu Bildung und Kapital. Im Film wird dies mit dem Lied das während den Credits läuft unterstrichen. Darin singt Kim Ki-woo davon, dass es 564 Jahre dauern würde, um das Geld für den Kauf des Park-Anwesens zu sparen.
Parasite zeigt eindringlich auf, dass die gesellschaftliche Schichtung nicht nur das Produkt des kapitalistischen Wirtschaftssystem ist, sondern durch ein Netz von unseren Auffassungen und Gewohnheiten in unserem menschlichen Zusammenleben verankert wird. Mit unseren kulturellen und sozialen Dynamiken legitimieren und normalisieren wir die Ungleichheiten und schaffen ein Umfeld, in dem die Armen gezwungen sind, um die begrenzten Möglichkeiten untereinander zu kämpfen.
Klasseninterne Kämpfe
Die klasseninternen Kämpfe machen einen substanziellen Teil in der Mitte des Films aus. Der zentrale Moment ist die Konfrontation zwischen den Kims und der ehemaligen Haushältern, nachdem Letztere enthüllt, dass sie ihren Mann Guen-se im Bunker der Parks versteckt. Anstatt mit Moon-gwang und Guen-se zu kooperieren, welche eine für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarung offerieren, schützen die Kims die Lebensmittel und die Unterkunft der Parks als wäre es ihre eigenen, da sie befürchten, dass alles zusammenbrechen könnte, was sie mühselig durch ihr hinterhältiges Verhalten aufgebaut haben.
Der brutale Kampf der anschliessend ausbricht, widerspiegelt die gelebte kapitalistische Realität, in welcher es notwendig ist andere Gleichgestellte zu verdrängen um erfolgreich zu sein. Es ist eine Welt, in welcher der Wettbewerb Überhand nimmt und wir vergebens nach Kooperation und Solidarität suchen. Der Konflikt zeigt ebenfalls auf, wie unwahrscheinlich ein kollektiver Widerstand ist, da die Armen in einem Überlebenskampf gefangen sind und sich so voneinander entfremden.
Korrumpierung des Geistes
Wir haben gesehen, wie das kapitalistische Wirtschaftssystem das Gemeinwesen prägt, doch am meisten faszinierte mich, wie Bong Joon-ho die persönlichen Veränderungen, welche das Leben in diesem System mit sich bringt, metaphorisch etabliert. Er nutzt drei Symbole um die buddhistischen Geistesgifte Unwissenheit, Gier und Hass darzustellen.
Der Sturm steht für die gleichgültige Geisteshaltung. Er verweist auf die Ignoranz der privilegierten Klasse gegenüber dem Leid der Armen. Während die Kims nach der Überflutung ihres Viertels obdachlos werden, betrachtet Yeon-kyo das Unwetter als Segen, weil jetzt der Himmel so schön blau wirkt und die Luft weniger verschmutzt ist. Ihre Bemerkung zeigt, wie die imaginäre Grenze und der Wohlstand uns von der harschen Realität abschirmen kann. Und die Ignoranz ist bestimmt keine bewusste Bosheit, sondern schlicht das Resultat einer privilegierten Position. Wir sollten allerdings versuchen diese gleichgültige Geisteshaltung zu überwinden, um Empathie zu schaffen.
Der “viewing stone”, den Ki-woo zu Beginn von seinem Freund Min erhält, verkörpert die anhaftende Geisteshaltung. Durch ihn verfallt Ki-woo in die Gier. Er wirkt regelrecht besessen vom Wunsch nach Aufstieg und Reichtum, als er sich nach der Flut an den Stein klammert. Doch kurz davor fällt uns etwas auf, der Stein muss hohl sein, sonst würde er nicht an der Wasseroberfläche schwimmen. Folglich ist die Anhaftung an materielle Werte immanent substanzlos und die Gier unsinnig. Doch in der kapitalistisch geprägten Gesellschaft ist nun mal ein Streben nach Materie allgegenwärtig, denn mit ihr, können wir uns teilweise von anderen Klassen abgrenzen und der Konsum lenkt uns ab. Es ist daher innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystem ausserordentlich schwierig nicht in die Gier zu verfallen.
Schliesslich wird der Geruch zum Symbol des Hasses, die ablehnende Geisteshaltung. Herr Park empfindet den “Geruch der Armut”, welcher er zuletzt in der U-Bahn roch, als abstossend und erwähnt, wie dieser seine Grenze überschreitet. Als Herr Park beim Geburtstagsfest von Da-song abwertend die Nase zu hält, als er Guen-se riecht, transformiert sich der Hass in Gewalt und Ki-taek verliert sich in der Aggression und tötet Herrn Park. Die Gewalt im Film ist demnach nicht nur nur eine Reaktion auf die Ungerechtigkeit, sondern ein Ergebnis des entmenschlichenden Verhaltens und der Instabilität des menschlichen Geistes.
Legitimation des Kapitalismus
Wir haben gesehen, wie das kapitalistische System soziale Ungleichheit schafft und unsere Geisteshaltung korrumpieren kann. Dennoch ist dieses System seit drei Jahrhundert präsent und wird in immer mehr Volkswirtschaften vorgefunden. Das offensichtlich ungerechte System hat sich legitimiert und stabilisiert und wird oftmals als das einzig denkbare Modell betrachtet. Dies liegt daran, dass sich der Kapitalismus tief in unseren kulturellen und sozialen Strukturen verwurzelt hat.
Allerdings bin ich davon überzeugt, dass ein gesellschaftlicher Wandel im Kapitalismus möglich ist. Dafür müssen wir unsere eigenen Systeme, welche nicht die Ungleichheit und Ausbeutung reproduzieren, in den Nischen erschaffen und sie in ihrer Reife in den Mainstream einarbeiten. Es ist notwendig, dass wir die Fehler unserer aktuellen Systeme erkennen und uns mutig an Verbesserungen wagen. Ein Meisterwerk wie Parasite, kann uns dabei helfen, die Augen zu öffnen und uns für das Austarieren des Wandels motivieren.