Seven Samurai
Sieben herrenlose Samurai werden von einem verarmten Bauerndorf angeheuert, um dieses von einer plündernden Bande Banditen zu verteidigen. Kurosawas figurengetriebener Klassiker lässt uns tief in die Persönlichkeiten seiner Figuren blicken und präsentiert dabei einen Klassenkonflikt des 16. Jahrhunderts, welcher kaum an Relevanz verloren hat. Im Kern dreht sich der Actionfilm nicht um Katanas und Schlachtpläne, sondern um Menschen, sowohl Bauern wie auch Samurai, die alle ihre eigenen Wunden, Ängste oder Traumata mit sich schleppen. Kambei Shimada [Takashi Shimura] trägt die Müdigkeit eines Mannes, der zu viele Kämpfe überlebt hat, die es alle nicht wert waren. Kikuchiyo [Toshirō Mifune] existiert in einem Kontinuum zwischen witzigem Clown und hasserfülltem Bauernsohn, der sich die Identität eines Samurai überstülpt und in dem verzweifelten Scheitern zur ehrlichsten Figur des gesamten Films wird. Und die Bauern, so verlogen und misstrauisch sie auch sind, sind Produkte der Gewalt des feudalen Japans.
Obwohl der Film düster ist und eine traurige Thematik behandelt, bedient er eine Bandbreite an Emotionen. Kikuchiyos Eskapaden brachten den Saal zum Lachen. Die zarte, zum Scheitern verurteilte Romanze zwischen Katushiro [Isao Kimura] und Bauerntochter Shino [Keiko Tsushima] berührt. Und wenn der Regen in der finalen Schlacht alles in Schlamm und Blut versinken lässt, fesselt uns die Spannung und Brutalität an die Leinwand. Humor, Liebe, Gewalt, Sozialkritik – verschiedene Genres werden in Seven Samurai nahtlos miteinander verwoben. Und auch handwerklich ist Seven Samurai für das Jahr 1954 revolutionär: Mehrere Kameras, dynamische Montagen, Tiefenschärfe, die mehrere Handlungsebenen gleichzeitig orchestriert. Hinzu kommt noch die Komposition sozialer Räume, die mich an Parasite erinnert. Zäune und Mauern trennen die Samurai von den Bauern und unterstreichen somit visuell die erzählte Klassenkluft.
Die Klassendynamik des Films ist asymmetrisch konstruiert. Drei Gruppen stehen im Zentrum, doch sie sind nicht gleichermassen aufeinander angewiesen. Die Ronin sind herrenlose, hungrige Krieger ohne festen Platz in der zerfallenden Feudalordnung. Die Bauern bleiben durch ihre Subsistenzwirtschaft an Land gebunden und ihre scheinbare Passivität entpuppt sich als Maske verdeckter Überlebenshärte. Die Banditen erscheinen schliesslich als parasitäre Spiegelung der Samurai. Nur die Bauern besitzen dabei eine wahrlich eigenständige und unabhängige Existenzgrundlage, denn sie produzieren. Samurai und Banditen leben beide von dieser Produktion, die einen schützend, die anderen raubend, beide letztlich überflüssig in einer friedlichen Agrargesellschaft.
Und diese bittere Ironie wartet auf uns am Ende des Films. Die Samurai kämpfen zwar nicht mehr für einen Feudalherren, sondern für eine selbstgewählte Sache, doch das verarmte Dorf wird sie nach getaner Arbeit nicht mehr brauchen. Dabei entdecken sie ihre eigene historische Obsoleszenz. Während die Bauern fröhlich singend ihre Felder bestellen, spricht Kambei den vielleicht traurigsten Satz des Films aus: “Wieder haben wir verloren.” Die Krieger haben die Schlacht gewonnen, aber den Frieden gewinnen die Bauern. In dieser Spannung zwischen Heroismus und Überflüssigkeit liegt die Grösse des Films.
#alone#kinozug:seehof