TÁR
TÁR beginnt als ein hochintellektueller Film, der uns ungestüm in die Welt der klassischen Musik wirft. Lydia Tár [Cate Blanchett] wird als eine der bedeutendsten lebenden Dirigentinnen eingeführt, und der Film scheint es sich zur Aufgabe zu machen, ihr Genie durch lange, mit Fachbegriffen gespickte Diskussionen über Musiktheorie, Kompositionen und künstlerische Philosophie unter Beweis zu stellen. Dieser Einstieg hat mich persönlich komplett überfordert, da ich nicht im Geringsten eine Ahnung von klassischer Musik habe. Also pausierte ich den Film für eine Stunde, wandte mich einer anderen Sache zu, mit der Idee, diesen langweilig wirkenden Film zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen. Im Nachhinein erwies sich diese Entscheidung als äusserst passend. Denn Regisseur Todd Field spielte mit meinen Erwartungen und in der zweiten Sitzung offenbarte sich mir eine der besten Charakterstudien, die ich bisher gesehen habe. Was als komplexe und distanzierte Erzählung aus dem Leben einer fiktiven Dirigentin begann, entwickelte sich zu etwas, das sich mit Themen wie Macht, Kontrolle und Selbstbild auseinandersetzt.
Erst als der Film sich seinem Ende näherte, wurde mir bewusst, wie meisterhaft dieser zunächst einschüchternde Anfang ist. Diese ersten Szenen nehmen sich die Zeit, um Lydia als Figur einzuführen, und geben dem Zuschauer die Möglichkeit, ein erstes Fremdbild, welches stark von Lydias unantastbaren Selbstinszenierung beeinflusst wird, zu formen. Ein Bild, das wir über den Film immer wieder revidieren müssen, da Lydias Fassade immer weiter wegbröckelt. Aber Tár hält sich auch in dieser Entwicklung zurück und lässt es fast organisch geschehen. Todd Field versteht dabei, dass nicht nur die grossen Ereignisse und Konflikte unsere Einschätzung von einer Person formen, sondern auch die kleinen, auf den ersten Blick unscheinbar erscheinenden Momente einen bedeutenden Einfluss haben. Ein Blick, eine subtile Reaktion, die Art, wie Lydia ihre Umgebung wahrnimmt und wie sie reagiert, wenn etwas ausserhalb ihres Einlussbereichs ist, helfen uns dabei, ihren Charakter besser zu begreifen.
Neben der überragenden Leistung von Cate Blanchett spielt auch der Sound eine essenzielle Rolle im Film. Musik ist das Fundament von Lydias Existenz, aber es sind nicht die orchestralen Klänge, die sich in den Vordergrund drängen. Stattdessen sind es die Geräusche des Alltags, das Summen, das Ticken, das entfernte Rauschen, das mal kaum wahrnehmbar ist und mal unangenehm laut wird. Manche dieser Geräusche inspirieren Lydia, andere treiben sie in den Wahnsinn. Die akustischen Störfaktoren begleiten sie überall und verstärken das Gefühl, dass sie die Kontrolle verliert.
Tár ist ein toller Film. Er ist intellektuell herausfordernd, manchmal gar einschüchternd, aber in seiner Konstruktion brillant. Er ist mal humorvoll, mal spannend und oft auch unangenehm. Cate Blanchett trägt mit ihrer ausgezeichneten Performance den Film, aber es ist Todd Field, der ihn mit einer langsam präzisen Inszenierung und einem Gespür für die Details zu etwas Einzigartigem macht. Der Film hat mich auf dem falschen Fuss erwischt, hat mich gewollt auf eine falsche Fährte gelockt — und genau das macht ihn für mich so grossartig.
#narzissmus#control