Casino Royale
„Der Job ist erledigt. Und die Schlampe ist tot.”
-James Bond
Casino Royale: Zurück zu den Wurzeln und doch alles neu
Beginnen wir mit Martin Campbell. Der Mann belebt die Reihe nach GoldenEye mit Casino Royale zum zweiten Mal neu. Das zeigt sich schon in der ersten Szene. Wir erfahren nicht nur mehr über Bond, wir wachsen mit ihm. Wir dürfen den Gentleman Spion dabei beobachten, wie er laufen lernt. Oder sollte ich sagen: wie er lernt, durch die Wand zu gehen?
Daniel Craig macht gleich klar, woran wir sind, warum er nicht der nette Bond von nebenan ist und wieso das gut so ist. Dazu aber später mehr. Nach dem ultrastylischen und ungewohnt harten Intro geht es spannungsgeladen weiter. Wir erhalten eine der besten Verfolgungsjagden der Reihe, und mit dem langsamen Build-up bis wir bei Le Chiffre ankommen, eine schöne Abwechslung zum megalomanen oder offensichtlich plump gewalttätigen Bösewicht, der oft typisch für Bond-Gegenspieler war.
Mit der Pokerpartie und den cleveren Zwischensequenzen zeigt Campbell uns, dass Spannung nicht immer laut sein muss. Manchmal reichen ein paar Karten und ein paar Millionen im Pott.
„Ups“
Ob ungewohnte Tiefe der zwischenmenschlichen Beziehungen, Folter oder anschließende Rache: Casino Royale ist ein Paukenschlag, der Bond im 21. Jahrhundert ankommen lässt.
Ganz großes Poker mit ikonischen Momenten! Nicht gerade kontrovers, aber was soll ich sagen… das Ding ist rund und funktioniert.
Kategorien:
James:
Groß war der Diskurs um Craig. Klein und blond? Kann das funktionieren? Ja, das kann es! Der Mann hat die Hater mal ganz kurz schlafen geschickt. Egal ob die eiskalte Schnauze zu Beginn, der “Lauf durch die Wand“, der Dialog mit M, die Plänkeleien mit Vesper oder das Duell mit Le Chiffre, es gibt so viele Szenen, in denen Craig das unter Beweis stellt.
Neben den oben erwähnten sind es vor allem Nuancen: wenn er für eine Sekunde den Mundwinkel nach oben zieht, nachdem der Bombenleger stirbt; wenn er im Smoking vorm Spiegel steht; die Folterszene; und auch die Jokes. Vespers Tod oder das ikonische Ende, in dem wir einen eiskalten Bond erleben.
Craig schafft es, Bonds Figur glaubhaft wachsen zu lassen. Wir sehen einen Bond, der noch lernen muss. Der gut ist, aber noch kein Profi. Der heißspornig und intelligent ist, aber noch nicht zu 100 % in jede Situation passt.
Kurzum: einen Bond, dem man unglaublich gerne zuschaut.
Anfangssequenz:
Wie oben schon erwähnt, erfahren wir in der Anfangssequenz, wie Bond seinen Doppel-Null-Status erlangt hat. In stylischem Schwarz-Weiß, mit einer starken Doppelszene, die zwei Tötungen zeigt: einen brutalen Zweikampf im Badezimmer und eine geplante, eiskalte Liquidierung eines Verräters.
Bockstark!
Main Theme:
“You Know My Name“ von Chris Cornell. Ein wuchtiger Track, der ins Ohr geht. Nicht so stark wie zwei noch folgende Lieder der Craig-Ära, aber grundsolide.
Erfindungen:
Puh … neben Le Chiffres “Knödelklopper“ gibt es eigentlich nur den Mini-Defibrillator. Gute Szene, aber kein cooles Gadget im eigentlichen Sinne.
Der Punkt geht deshalb wohl a den “Vesper“ klingt nach einem guten Drink!
Schurken:
Mit dem von Mads Mikkelsen genial verkörperten Le Chiffre haben wir für mich den bisher einzigen Schurken der Reihe, der es mit Megalomanen wie Goldfinger oder Blofeld aufnehmen kann. Dieser Blick, diese Durchtriebenheit… egal ob am Tisch oder im Schiffswrack, man bekommt das Gefühl, hier stehen sich zwei Gegner auf Augenhöhe gegenüber.
Mr. White und der Typ mit dem Glasauge sind nette Ergänzungen, fallen aber etwas hinten runter. Wobei das Ende mit White fantastisch ist. Bond ist über den Film gewachsen und hat sich diese fantastisch kaltschnäuzige Szene verdient. Wie groß das Tor ist was er öffnet bleibt in diesem Film Gott sei Dank noch verborgen.
Anders sieht es mit Mr. Dimitrios aus: Er hat zwar nur einen kurzen Auftritt, hinterlässt aber mit seiner widerlichen Art einen ganz eigenen Nachgeschmack.
Bond-Intro:
Das Poker-Theme weiß zu gefallen. Interessante Motive und die Schüsse bzw. Einschusslöcher im Stil der Kartensymbole sind schöne Ideen.
Orte:
In den ersten Minuten lässt “Blood Diamond“ grüßen. Der Rest des Films spielt sich zwischen den Bahamas (wunderschön), Montenegro (stylisch) und dem Comer See (ebenfalls wunderschön) ab. Zwischendurch gibt es noch einen kurzen Abstecher nach Miami, aber von der Stadt sehen wir wenig.
Narrativ:
Le Chiffre verspekuliert sich mit Geld von Terroristen auf dem Aktienmarkt. Nun müssen 100 Millionen her. Hierfür richtet man ein Pokerspiel aus. Bond soll ihn besiegen, um ihn in eine Lage zu bringen, in der er gegen seine Investoren aussagen muss, um Schutz zu erhalten.
Basiert reaktiv straight auf dem gleichnamigen Roman. Hat mir schon in Buchform gefallen. Erfüllt hier voll seinen Zweck.
Damen:
Vesper Lynd (Eva Green) und Solange Dimitrios (Caterina Murino) schickt der Film ins Rennen. Auch wenn Murino ihre Sache gut macht, wäre es ein Witz, hier jemand anderen als die wunderbar von Green verkörperte Vesper hervorzuheben.
Nostalgiker sagen, Teresa sei Bonds große Liebe – ebenbürtig ist jedoch Vesper. Sie ist mehr als das klassische Bond-Girl. Sie hat Züge eines echten Menschen. Szenen wie die unter der Dusche erzeugen authentische Gänsehaut.
Ich bin kein Fan von ihrem Abgang und trotzdem ist er, mitsamt des Verrates so essenziell für Bonds Entwicklung. Es macht sie glaubhaft und wir erfahren, wie aus diesem Neuling der Connery Bond “werden könnte”.
Abschließend:
In den bisherigen Ausführungen zu kurz gekommen sind vor allem zwei Figuren, die ich großartig finde: Judy Dench als M und Jeffrey Wright als Felix Leiter.
Dench ist durch die Bank ein Brett. Dass Bond und sie sich hier annähern, ist so überzeugend gespielt und macht einfach Spaß. Ihre Mischung aus Fassungslosigkeit, Bewunderung und Vertrauen ist so nuanciert, dass ich ihr alles abnehme.
Jeffrey Wright ist eine der großen Neuheiten. Wie er sich Bond offenbart “Mir rinnen die Chips durch die Finger.“ / “Sehen wir aus, als bräuchten wir Geld?“ ist ein kleines Highlight in diesem nahtlosen Konstrukt.
Nicht ganz so groß, aber dennoch wichtig, ist Giancarlo Giannini als René Mathis, der einen wunderbar ambivalenten Verbündeten Bonds gibt. Sein Arc ist interessant und lässt einen unschlüssig zurück.
Lange habe ich gestern mit Jonas diskutiert: Casino Royale oder Goldfinger? Es ist, als müsste man zwischen Kindern wählen. Ich werde mir zum Abschluss dieser Retrospektive noch einmal die Zeit nehmen, beide an einem Abend zu schauen. Eventuell mache ich sogar eine Pro-/Kontra-Liste. Sicher ist jedoch: Es ist das Duell der Giganten.
“Doppelnullagenten sollen wohl eine ausgesprochen kurze Lebenserwartung haben. Ihr Fehler ist vermutlich kurzlebig.”
- James Bond