M
Es gibt wohl nur eine Handvoll Filme, die ich als „perfekt” betiteln würde. Einer dieser Filme ist M- Eine Stadt sucht einen Mörder.
Ich glaube, ich kann gar nicht richtig begreifen, wie unfassbar genial dieser Film wirklich ist. Die Art, wie er Ton einsetzt, wie er ihn zu einem handlungstragenden Element macht und wie er ihn ganz genau so sparsam einsetzt, wie es für den Film am Besten ist. Aus heutiger Sicht sind viele Techniken, die sich Fritz Lang mit seinen Technikern überlegt hat völlig gewöhnlich und schon lange nichts revolutionierendes mehr. Es gibt Szenen, in dem das ganze so unscheinbar ist, das man es gar nicht mehr bemerkt, wenn man nicht darauf achtet. Geräusche, die ihre Quelle außerhalb des Sichtfelds der Kamera haben, wie ein heranfahrendes Auto oder eine Tonspur, die über die Szene hinaus geht wie bei der berühmten Parallelmontage zwischen den Verbrechern und den Polizisten. Tricks wie Voice over, wie J- und L-Schnitte oder wie Inzidenzmusik, also Musik, deren Ursprung im Bild zu sehen ist, wurden alle in diesem Film meisterhaft angewendet. Und das meine ich nicht als leere Worthülse, denn wenn man bedenkt, dass der Tonfilm zur Zeit der Entstehung erst 4 Jahre alt war, kann man nur darüber staunen. Anders als bei zu der Zeit typischen „Talkis”, in denen Personen quasi gar nicht mehr mit dem Reden aufhören können, nutzt Lang den Ton sehr sehr sparsam, schon fast minimalistisch und konzentriert sich vor allem auf die visuelle Wirkung des Films. Dann merkt man eben noch, das Fritz Lang ein Stummfilm-Regisseur ist.
Und auch optisch ist dieser Film wirklich eine Wucht. Low Key Beleuchtung, Vogelperspektive, Froschperspektive, und über allem ein Schatten an einer Litfaßsäule. M steht immer noch stark in der Tradition des expressionistischen Films und greift viele Aspekte des späteren Film Noirs auf. Der Film ist voll von versteckten Symbolen und Bedeutungsträgern, ohne es dem Zuschauer auf die Nase zu binden. Wenn wir Peter Lorres Charakter während eines Anfalls dabei zuschauen, wie er sich mit Alkohol, Zigaretten und dem altbekannten Pfeiffen versucht zu beruhigen, ist er nur teilweise durch eine Hecke zu erkennen, und das Gestrüpp verwehrt uns den Blick zu ihm. Ebenfalls eine Szene, die zwar nicht durch das Bild, dafür aber durch den Schnitt an Bedeutung gewinnt, ist die eben schon genannte Parallelmontage zwischen Verbrechern und Polizisten. Diese Szene macht noch einmal deutlich, das beide Seiten, auch wenn ihre Absichten noch so unterschiedlich sind, das gleiche Ziel haben. Eine andere unglaubliche Szene folgt direkt im Anschluss: Hatte man vorher noch die ganzen reichen Ganoven und Kommissare ihre Massen an Zigarren, Pfeiffen und Zigaretten aufrauchen sehen, so sieht man nun einen armen Bettler, der seine kleine Sammlung an Tabakartikel vor sich hinlegt, eine Zigarre anzünden will, es dann aber sein lässt, weil er sie für später aufsparen möchte (Auch etwas, womit die Oberhäupter der Ringorganisation näher an den Gewohnheiten der Polizisten sind als an denen der Verbrecher). Dann folgt eine Kamerafahrt quer durch den Raum, über Tische und kartenspielende Arbeitslosen hinweg, durch die Umkleide und durch ein geschlossenes Fenster hindurch, zu dem Aufgabenverteiler der Verbrecherorganisation. Citizen Kane wäre stolz gewesen (Wenn es ihn dann schon gegeben hätte). Doch wie auch bei der Musik ist kein Kameraschwenk und kein Bild zu viel, alles hat einen Sinn und Zweck. Zusammengefasst ist der Film also wirklich sehr sehr schön.
Und nun komme ich zu der größten Stärke des Films: Das Drehbuch. M geht knapp 2 Stunden und es gibt wirklich keine Sekunde, die an irgendeiner Stelle zu viel ist. In diesen 2 Stunden erleben wir die Suche nach einem Mörder, die sich, wie es auch schon im Untertitel heißt, durch alle Gesellschaftsschichten und Organisationen erstreckt. Wir erleben, wie die Handlungen eines Mannes gepaart mit der Unfähigkeit der Polizei eine Stadt in Hysterie und Lynchjustiz versinken lassen kann. Trotz dieser riesen Thematik fühlt man sich als Zuschauer nie alleingelassen und orientierungslos, sondern immer involviert in das ganze Geschehen. Das Fritz Lang und Thea von Harbou dann auch noch detailliert die Polizeiarbeit der Berliner Polizei der 30er Jahre und die psychologischen Symptome eines Psychopathen recherchiert und sinnvoll in das Drehbuch mit einfließen lassen haben, setzt dem ganzen natürlich noch eine Krone auf.
Der unfassbare Realismus, die revolutionären Techniken, die unheimlich spannende Hetzjagd, die gruselige aber herausragende Psychopathendarstellung Peter Lorres, der mir mit jedem ausgesprochenen Wort Gänsehaut bereitet, das auf größtmöglichste Effizienz ausgelegte Drehbuch, das intelligente Spiel mit Licht und Ton und nicht zu vergessen die moralischen Probleme wie die Unfähigkeit der Polizei und die Fähigkeit der Verbrecher, der diskutierbaren Schuld des Kindermörders und die daraus resultierende Strafe.
Aber am Ende kommen wir wieder zu den Müttern zurück, die wir schon am Anfang gesehen haben, und sie sprechen genau das aus, was diese Fragen im Kontext der Kindermorde völlig nichtig machen:
Davon werden unsere Kinder auch nicht wieder lebendig.
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